Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1920-01-01 · Heft 3 · p. 139

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 3
Article
Der heutige deutsche Antisemitismus
Date
1920-01-01
Page
139 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3101111-3101163-3101167-3105336--3947-3105366
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Der heutige deutsche Antisemitismus 139 Dann wird sich wiederum ein Verwerfen dieses Empirikums leidenschaftlich einstellen können: aber dann ist es der liebevolle und zornige Eifer gegen den Verfallsjuden um des echten wertvollen Judenwesens willen — ein Verwerfen mit positivem Vorzeichen, ein „Antisemitismus", den wir uns gerne gefallen ließen und den wir selbst hegen. 4- Müssen wir noch einmal erklären, daß wir vom Individuum nur in dem Sinne des Gliedes und Darstellers einer national gebundenen Gruppe reden und immer wissen, daß der wahre Träger des Antisemitismus wie aller Differenzaffekte die Gruppe selbst ist — ein Individuum sie selbst, ja das biologische Individuum, zu dem sich die Einzelnen verhalten wie Blätter und Blüten zur ganzen Pflanze (Familie) und zur besonderen Gattung dieser Pflanze (z. B. „Tanne"), die im Wald anschaulich zusammentritt? Wir stehn ganz am Anfang der Erkenntnisse dieser biologischen Bildungen — Wilhelm Fließ hat den Versuch unternommen, hier Gesetze aufzustellen*) — und wissen nicht, wie sich in Zukunft das Verhältnis von Soziologie und Biologie zueinander gestalten wird. Deutlich aber ist uns, daß von Gruppe zu Gruppe niemals Beziehungslosigkeit besteht, daß vielmehr als natürlicher Zustand Ströme von lust- und unlustbetonten „Erfahrungen" hin und her gehn, Differenzempfindungen und Verbundenheitserlebnisse, Abstoßungen und Anziehungen, die das Leben der Völker formen und ausmachen, und die nach eigenen Gesetzen sich aufbauen, erforschbar und erschaubar wie etwa das Reich der sittlichen Tatsachen. Wer das Leben nicht unter der Optik des Lebendigen (des strömenden Zusammen-seins) zu sehn vermag, sondern es etwa mittels Definitionen und durch Begriffe unter der Optik der rationalen Logik zu ergreifen sucht, dem wird es ebenso entfliehn wie dem, der es allein unter der Perspektive des Wettbewerbs (Politik) und des Zusammenwirtschaftens (Nationalökonomie) zu fassen gedenkt. Das Denkvermögen des Menschen, auf Erleichterungen aus und dem Gesetz der Trägheit Untertan,* wendet so lange als möglich eine einmal ausgebaute Denkart auf die heterogensten Gebiete an . . . Erkennen wir endlich den Antisemitismus als biologisches Phänomen, als einen von jenen Differenzaffekten, in denen die Völker einander bejahen und verneinen; suchen wir seine Wurzel auf, die selbstverständlich unterhalb der eigentlich von „Völkern" erfüllten Sphäre iiegen muß, wie die Wurzeln der Pflanzen unterhalb der von Pflanzen erfüllten Sphäre und die Wurzeln vieler bewußter Erlebnisse unterhalb der Bewußtseinssphäre liegen.!) Der Aufbau des Lebens; Diederichs, Jena.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.