Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Der heutige deutsche Antisemitismus
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 137 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Der heutige deutsche Antisemitismus 137 denjenigen Teil der Judenheit, von dem er sich betroffen weiß; ihn würde er, wenn er als Gesetzgeber seinem Impuls folgen sollte, mit Maßregeln bekämpfen* Damit setzt er in jedem Teil der Judenheit dasjenige angeborene Sein voraus, das ihn erregt und indem er die Verantwortlichkeit des allgemeinen Juden für die besonderen konstatiert, nimmt er den Juden als Vertreter einer biologischen Einheit wahr: als Volk, dem er als Vertreter eines Volkes gegenübertritt. Dieser Erkenntnis ist er so sicher, daß in dem Augenblick, wo irgendein konkreter Teil der Judenheit — des jüdischen Volkes — diese Verantwortlichkeit und Gemeinschaft ablehnt, sich ihm der Protest als niedrige Feigheit und Selbstverleugnung darstellt: er nimmt ihn nicht an und verachtet die Protestler als Selbstverräter: die Verachtungskomponente tritt zu seinem Antisemitismus hinzu und verschlimmert ihn, entfärbt noch tiefer 1 das Bild des Juden. Von Volk zu Volk: hier zum ersten Male stellt sich mit Evidenz dar, welcher Charakter dem überindividuellen Träger des Antisemitismus zukommt: der nationale. Er ist weder ein soziales Differenzempfinden von Klasse zu Klasse, noch ein geistiges von Religion zu Religion, sondern ein biologisches von Volk zu Volk — kompliziert und gebrochen durch besondere, später darzustellende Faktoren. Da er in heutiger Gestalt von Pseudobiologen zuerst wissenschaftlich" vertreten worden ist, haben sie ihm, seiner (und ihrer) radikalisierenden und mythisierenden Tendenz folgend, die Formel „von Rasse zu Rasse" gegeben; aber das ist nur das unbehilfliche Symbol für das dunkle Wissen um seinen typischen Charakter, nämlich um den Sachverhalt seiner Unabhängigkeit von individueller Volkheit: hinter ihm sahen sie, daß von jedem Volk zu jedem eine rational unbegründete Spannung besteht, für die alle bewußtseinsfähigen Spannungsgründe gewissermaßen nur Vorwände sind; so verwiesen sie ihre Wurzel ins Irrationale, ins Blut, in eine schlechthin bewußtseinsunfähige, instinktbeherrschte Sphäre, die sie, um sich ihrer nicht zu schämen, vergotteten. Wenn so der Antisemitismus auf das Allgemeine des Juden zielt, auf das jüdische Wesen, muß auch bei ihm die nur auf den ersten Blick paradoxe Erscheinung der „Ausnahmen" erklärbar sein, die bei allen Differenzempfindungen von Volk zu Volk (und auch bei der engeren biologischen Seinsform, von Familie zu Familie) typisch vorkommen, ohne zunächst die generelle Verwerfung zu verändern- In irgendwelchen Umständen der Begeisterung oder Bedrängung möge ein Antisemit, ohne sich als solcher angezeigt zu haben, einen Juden als Person erleben, seine Wesenswerte wahrnehmen: dann rechnet er sie ihm als individuelle Werte an (auch wenn sie tatsächlich typisch sind, 2. B. Hilfsbereitschaft, was er zu sehen nicht imstande ist) und nimmt gleichsam dieses Individuum, indem er seine menschliche Art durch das davorgelagerte Jüdischsein hindurch zu erfassen glaubt, aus dem Volk der Juden heraus, um es anzuerkennen und zu schätzen, ja zu lieben (antisemitisch gestimmte Männer vermögen gelegentlich Jüdinnen zu lieben und zu heiraten).