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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 3 · p. 136

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 3
Article
Der heutige deutsche Antisemitismus
Date
1920-01-01
Page
136 (sequence 8)
Language
German
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136 Arnold Zweig: Einzelnen, nicht nur aktiver und seiner selbst sicherer, er ist auch echter, in der Seele vorhandener. Nicht allein, daß einer den andern ansteckt und ihm Mut macht, daß die Scham wegfällt: es scheint vielmehr, daß erst eine Menge der wahre Träger dieser Empfindung ist (sehr zum Unterschied von Haß und Verachtung), und daß der einzelne Antisemit sich immer als Glied einer gesinnungsverbundenen Menge wissen oder dumpf spüren muß, um in seiner Gesinnung ganz aktiv zu sein. Auch wenn wir ihn als „den Antisemiten" zur Betrachtung isolierten, haben wir sehr wohl dies verfließende Feld wahrgenommen, das seine Einzelheit umgibt und ihn zum Teil der Gruppe macht. 3- Affekt, Empfindung, Gesinnung: an allen diesen Verhaltungsarten hat der Antisemitismus Anteil; je höher er in intellektuelle Zonen der Person aufsteigt, um so intensiver scheint er sie zu durchdringen, um so weniger gebunden erscheint er an Anlaß und Anfall, um so gleichmäßiger durchtränkt er sie mit seiner Farbe und um so leichter sichtbar wird seine überindividuelle Schichtung. In dem Augenblick, wo wir den Versuch machen werden, den Charakter dieses überindividuellen Trägers genauer zu bestimmen — z. B. fragen, ob er eine Klasse der Gesellschaft, durch gemeinsame Berufsart, durch religiöse Gemeinschaft oder sonstwie verbundene Einheit ist — muß der Antisemitismus mit seinem geometrischen Ort auch seinen eigentümlichen Charakter enthüllen,. Da es uns aber nicht auf Behauptung ankommt, sondern auf Erkenntnis, fixieren wir zunächst einen anderen Zusammenhang, indem wir noch einmal auf den Antisemiten im oben bestimmten Sinne zurückgreifen. Was ist „der Jude", auf den sein Antisemitismus zielt? Nehmen wir nicht den Fall, der heute der häufigste ist: durch bestimmte politische Suggestionen wird einem Deutschen eingeredet, daß an gewissen Beeinträchtigungen, an denen er leidet, die Juden schuld seien, und durch eine bestimmte seelische Situation wie durch ungenügende Prüfung der angebotenen Gründe — welche wiederum ihre angebbaren Ursachen hat — nimmt er diese Suggestionen an. Dieser Fall wird faßbar erst, wenn wir diese Ursachen haben beschreiben können. Setzen wir vielmehr: durch Erfahrung an der Handlungsweise eines oder einiger Juden wird ein Mensch, der bis dahin die Juden wenig bemerkt hat, zum Antisemiten. Seine Verwerfung, Verneinung, Befehdung geht dann auf „das Jüdische", auf eine bestimmte Art des Seins, auf eine gewisse Grundhaltung zu allen Dingen (die später noch beschrieben wird). Diese nur weist er „dem Juden" zu — der sich zum konkreten Einzeljuden und zur Summe aller Juden verhält wie „der Wolf" im Märchen zum individuellen Wolf und zu „allen Wölfen". „Der Jude" des Antisemiten also ist eine stellvertretende Person, zunächst ein Symbol für das, was er am Juden zu sehen imstande ist, und dann für die Judenheit, deren Charakter er in ihm zu erfassen meint. Nicht auf das Judentum als geistige Substanz zielt er, die ihm vielmehr verborgen bleibt, sondern auf

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