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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 3 · p. 135

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Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 3
Article
Der heutige deutsche Antisemitismus
Date
1920-01-01
Page
135 (sequence 7)
Language
German
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Der heutige deutsche Antisemitismus 135 pörendsten — und erhebendsten bewahrt, daß uns die fürchterlichen Taten des echtesten Judenhasses auf deutschem Boden zur Zeit der Kreuzzüge*), auf polnischem, ukrainischem und ungarischem heute, daß uns-die antisemitischen Morde weißer Garden in Berlin und München werden entgegengehalten werden, um den Haßcharakter des Antisemitismus zu erhärten, erwarten wir — ohne daß dieser Einwurf uns widerlegen könnte. Der Antisemitismus kann in Haß umschlagen, nämlich dann, wenn vor die Existenz des Juden als Juden eine andere, erregende, aufreizende und wutblendende Existenz tritt; wenn er als Träger einer allgemeinen geistigen Bewegung oder Haltung zu Recht oder Unrecht hingestellt wird, die der antisemitisch gestimmten Gruppe entgegengesetzt, feindlich, haßerregend, seinsbedrohend ist oder scheint: zur Zeit der Kreuzzüge die Gleichsetzung des Juden mit dem Sarazenen, die Eindeutung einer Christenfeindschaft, Christusfeindschaft in den Juden, erwachsend aus der Juden und Moslim gemeinsamen Nichtchristlichkeit; heute die Idee des radikalen terroristischen Sozialismus, wie sie durch die verblödende und berechnend hegende Tätigkeit militaristischer „antibolschewistischer" Ligen und Zeitungen den antisemitisch gestimmten Gruppen beigebracht wird, fußend auf der faktischen Beteiligung breiter jüdischer Schichten am demokratischen Sozialismus und einer Anzahl führender Einzelner am bolschewistischen Kommunismus, welcher von dem verlogenen und aufreizenden Militaristen angespeichelt und bemalt die Form purer Zerstörungslust annimmt und pure Zerstörungslust in seinen Bekämpfern entfesselt. Dann in der Tat richtet sich Mord, Schändung und hunnische Scheußlichkeit polnisch-ukrainischmagyarischer Militaristen sofort gegen Juden, leichter, hemmungsloser, freudiger gegen sie als gegen die nichtjüdischen Gesinnungsgenossen: der Antisemitismus erleichtert den Durchbruch haßvoller Instinkte, er tendiert dazu, unter diesen Bedingungen Haß zu werden, und dieser Haß greift dann durch den Bolschewiken hindurch nach dem Juden, der sich unterfängt, in den Ablauf des Daseins der Gruppe — des Volkes — einzugreifen. Die Befriedigung, die sich nach solchen Bestialitäten einzustellen pflegt, die tiefe Erleichterung dessen, der „es dem Juden gegeben hat", enthält dann ebensoviel entladenen Judenwie Bolschewistenhaß; aber darum gerade ist es falsch, Antisemitismus und Judenhaß zu identifizieren. Er hat seine ganz eigene Struktur, ist weder Verachtung noch Haß, ist überhaupt nicht mit einem Worte benennbar — «ine endemische Empfindung, ein Massenphänomen, in welches der einzelne Enipfindungsträger, erst anschlußweise mündend von irgendeinem persönlichen Anlaß aus, dann von der Menge der „Gesinnungsgenossen" in seiner persönlichen Haltung verstärkt, vergröbert, nur dann eine Nuance hineinträgt, wenn er als sehr ausgeprägter Charakter ansonsten besteht. Der Antisemitismus einer Menge ist nicht nur lauter, offener, ergossener als der eines ) „Edom", Berichte aus den Kreuzzügen, Jüdischer Verlag: ein Dokument, welches *t gelesen zu haben jedem Juden zur Schande gereiche!

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