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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 3 · p. 134

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Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 3
Article
Der heutige deutsche Antisemitismus
Date
1920-01-01
Page
134 (sequence 6)
Language
German
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134 Arnold Zweig: Antisemiten wie jedem vital wertenden Menschen ist Haß durchaus nichts Verwerfliches, ist Haß gegen das Schlechte eine gebotene, vorwurfsfreie, edle Empfindung — und Schlecht und Jüdisch sind ihm ja identisch. Diese „Enthüllung" des Antisemitismus als Haß gegen eine bestimmte Menschenart hat also nichts Zerschmetterndes — sondern ist nur falsch; sie eskamotiert das wahre Problem unter den Tisch und stellt einen Popanz eigner Mache an seine Stelle. Haß? Haß ist, roh umrissen, die zentralste Verneinung eines Seins, dessen wahrer Charakter sich nur dem Hassenden im Hasse auftut, enthüllt. Hassen und Vernichtenwollen des Gehaßten ist unlösbar verkettet, das Hassenswerte hat nicht zu sein, und so drängt der Haß, je echter um so stürmischer, zur Austilgung des Gehaßten aus der Welt — aus der Welt in ihrem ganzen denkbaren Kreise. Denn die Existenz des Gehaßten vergällt dem Hassenden die Welt, ein düsterer Flor Hegt über allem Sein; solange die gehaßte Person lebt, wird der Hasser seines Lebens nicht froh: der wilde Krampf, der ihn durchreißt, sowie er des Gehaßten inne wird — außen im Dasein oder innen im Erinnertwerden—, drängt früher oder später zur Entladung: einer Entladung die sich zerstörend auf alles stürzen kann, was mit dem Gehaßten in persönlicher zärtlicher Verbindung steht: auf seine Dinge, seine Lieben, sein Andenken, ja seinen Gott; einer Entladung, die den Haß endlich zum Erlöschen bringen kann — wenn er nicht §o groß ist, daß er auf jede Auslösung verzichtend in unversöhnlicher Verneinung überzeitlich sich durchs All ergießt, daß Gehaßte ewig suchend. . . Dies ist eine andere Haltung als der ohnmächtige Haß, das Verharren in gehässigem Vernichtungswillen ohne den Versuch zur Tat oder mit bloßer Vorstellungsbefriedigung; sie allein schon kennzeichnet diesen Typus Mensch als tief feige und kläglich vor Schwäche. Ist dies der Antisemit, haben wir ihn hier beschrieben? Wen auch immer — nicht ihn. Während der Hasser das Gehaßte bis an der Welt Ende verfolgt — mindestens der Intention nach —, erlischt der Antisemitismus einer geschlossenen Gruppe, sobald er den Juden hier aus seinem Blickfeld gedrängt hat, das an der Gruppengrenze — Landesgrenze — endet, sofern nicht aus anderen angrenzenden Gruppen Juden in die eigene Zone einfließen können und so ins Blickfeld des Antisemiten eintreten, schon ehe sie diese Grenze überschreiten. Ob in Kanada, Transvaal, Palästina Juden sind oder nicht, ist trotz prinzipieller Verwerfung des Jüdischen einerlei — nur hier sollen sie nicht sein, oder schärfer nöch: hier sollen sie nicht bemerkbar sein; und erst im Zusammenhang mit den hier bemerkten Juden fällt auch auf die entlegenen ein gewisser Schatten von Groll. Die Großartigkeit, die Haß annehmen kann (bei Shakespeare finden sich solche Hasser in den Königsdramen — Margareta, Clifford, Richard in Heinrich VI. —, Coriolan, Shylock, Timon) geht dem Antisemitismus stets ab, so leidenschaftlich er sich auch gebärden oder sein kann, so wild, blutig, grauenhaft seine Entladungen gelegentlich auftreten. Daß uns die Wildheit und Gehässigkeit dieser Entladungen, von denen unsere Geschichte Erinnerung um Erinnerung, empörendste Fakta neben em-

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