Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Der heutige deutsche Antisemitismus
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 133 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Der heutige deutsche Antisemitismus 133 wohlgeratener fühlt als den „üblen Perser"? Verachtung sieht das, worauf sie zielt, zwar ebenfalls unter sich, aber in kühler Freiheit; der Verachtende erlebt nicht seine eigene Erhobenheit, er ist sich selbst überhaupt nicht hoch, sondern nur auf dem rechten Niveau; das Verachtete ist darum verächtlich, weil es so tief unter diesem Normalen liegt — kein Grund, Schärfe, Erregung, Heftigkeit in diese Empfindung der eigenen Normalität zu mengen, die sich ohne Vergleich, ohne stetes Fixieren der Distanz einstellt.*) Ein Verachtender, der ein Verehrender ist, weil er ein Verehrender ist und hoch über sich noch verehrungswürdige Werte weiß: der Antisemit ist fern von diesem Sein. Er ist sich selbst vor allem als wertvoll gegeben, als hoch; ja, besser sein als er ist undenkbar, er ist der vital vollkommene Mensch, zum mindesten der Anlage und Möglichkeit nach — und erst am Vitalen regelt sich ihm die Sittlichkeit, ordnen sich ihm die Werte. Darum sieht er sich selbst auch,, schön"; darum verspottet er den Juden zunächst um seiner Häßlichkeit willen. Daß der Jude häßlich sei, ist ihm ein Axiom; er sieht nur den häßlichen Juden als Juden an, und erkennt wohlgewachsene Juden mit Durchschnittsgesichtern nicht als Juden. Obwohl Ethnologen die geringe Prozentzahl sogenannter „Judennasen" (jener hängend gebogenen und verdickten Nasen) unter Juden statistisch feststellten und ein Mensch in den östlichen Zentren der jüdischen Massen diese Erfahrung jederzeit mit eigenen Augen machen konnte, zeichnet der Antisemit**) dem ,,typischen Juden" eine Wulstnase, Wulstlippen, krumme Beine, gewaltige Hände und Füße, Schlitzaugen hinter Kneifern und einen Bauch — wohingegen der „typische Deutsche", er selbst, als ein hochstirnig schlankes Ideal antritt, schön wie ein Reklamebild für Nährmittel von Franz Stassen und mit den großen Leuchtaugen einer Optikeranzeige — dies sein Ideal, und man weiß ja, wie strikt die deutsche Wirklichkeit sich danach richtet. . . Ob sie es aber tue oder nicht: von der Häßlichkeit des Juden (die er mit dem Japaner z. B. teilt) ist nur ein Schritt zum Hassenswerten: falls den Antisemitismus nicht echte Verachtung konstituiert, so doch echter Haß? Antisemitismus ist Judenhaß, der sich des verurteilenswerten Haßcharakters schämt und ein fremdes Deckwort gewählt hat für diese eindeutige Seelenlage? 2. In der Tat haben Juden, besonders liberale, sich dieser Übersetzung bedient, um den Antisemitismus zu diskreditieren. Sie haben dabei zu allem Anfang den Irrtum begangen, das Verwerfliche des Hasses, das ihnen selbstverständlich ist, auch dem Urteil des Antisemiten zu unterstellen — sonst hätte er ja, sagen sie, sich frei zu diesem Titel bekannt. Aber sie irren schon hier. Denn dem *) Reden wir also nicht von echter Verachtung; vielleicht von gespielter? von sich selbst vorgespielter? Das lassen wir als Frage stehen. **) Man kennt diese Bilder, früher nur in schamhaften Flugblättchen, heute aus Münchener Witzblättern: Simplizissimus, Jugend, Phosphor, Gut Deutsch.