Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Der heutige deutsche Antisemitismus
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 132 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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132 Arnold Zweig: vornherein verwerflich, „jüdisch" ist, wird ihm die Ausbreitung dieser Bewegungen zum Sieg des Judentums, Er fürchtet es zwar als gefährlich; seinen Imperativ jedoch, es zu bekämpfen, kann diese Gefährlichkeit nur steigern. Denn er ist Held und Drachentöter, sieht sich gern umwittert von der Tragik des Edlen und seines Untergangs — und ist paradoxerweise außerdem seines Sieges gewiß. Denn unterhalb dieser jüdischen Gefährlichkeit sieht er die jüdische Schwäche, als welche darin besteht, daß das Judentum allein gar nichts ausrichten kann und stark wird erst durch die Völker, die sich von ihm mißbrauchen lassen, z. B. durch den Teil des eignen Volkes, der nicht Antisemit, sondern Judengenosse ist. Und da er sich sogleich als sieghaften Typ empfindet und durchdrungen ist davon, daß Walvater die Welt den Edlen gab, den Blonden (Blondheit ist unerläßlich, auch die Griechen sind schlankweg blond, ebenso wie Jesus, Jonathan, Saul, David und Salomo — welchen die Blondheit Goethes, Bachs, Beethovens, Michelangelos, Kants, Schopenhauers, Mozarts zukommen dürfte, die innerliche, bei schwarzem Haupthaar —), den Germanen, ihm also: nimmt er draufgehend den guten Ausgang vorweg und feiert sich als Salz der Erde und Erlöser der Welt vom Juden. Er ist eine pathetische Empfindung, der heutige Antisemitismus, der Humor geht ihm ab, als wäre er von Wagner instrumentiert, als welcher, wie Nietzsche festnagelte, über den humoristischen Höhepunkt der Posse, die allgemeine Keilerei, nicht hinauskam. Dies Humorlose macht seine Überlegenheit, seinen „edlen Typ", sehr verdächtig. Der Bauer des Mittelalters, da er gläubig im wahren Sinne lebte, hatte diese Überlegenheit und diesen Humor, den die Rolle des Juden im Grimmschen Hausmärchen beweist. Der Jude ist der Geprellte stets, der Dumme: wie auch nicht? war er nicht so metaphysisch dumm, als Gott in Christi Leib bei ihm geboren ward, diese Gottheit nicht zu erkennen — diese strahlende Gottheit, die ihm, dem Bauern, ebenso unmittelbar einleuchtet wie seiner törichtesten Magd? Diese dümmste Magd ist, weiß der Bauer, metaphysisch klüger als der klügste Jude; und wie ihm der Teufel von seiner christlichen Gesicherthett aus zur humoristischen Figur wird, bekommt auch der Jude solche Humoriarbe: ein gemütliches Verhältnis über metaphysische Verachtung kann sich' einstellen. Ganz anders der heutige Antisemit. Eine stete Gereiztheit schärft seine Empfindung von der Welt und leert sie, sobald das Jüdische darin auftaucht, von aller Gemütlichkeit selbst beim Junker, der sonst daran festzuhalten pflegt; die Verachtung, mit der er den Juden bemerkt, läßt ihm nicht das ruhige Gesicht, sondern verzerrt es nervös und heftig. Das kommt, weil er so sehr vieles verachten muß: nicht den Juden allein, sondern all das „Jüdische", das, wie gesehen, die Erde erfüllt; ihm ist bei seiner Verachtung nicht wohl, er ist seiner sehr übertrieben gewiß und wird sehr übertrieben ihrer gewahr. Das Übertriebene aber macht unsicher. Sollte es sich in dem Gefühl des Antisemiten zum Juden hinab vielleicht nicht üm echte Verachtung handeln — gerade weil der Antisemit sich so sehr viel besser, wertvoller,