Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Der heutige deutsche Antisemitismus
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 131 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Der heutige deutsche Antisemitismus 131 so daß er als höchsten Grad völkischen Seins sein eigenes Sein und Wesen nicht behauptet sondern empfindet, und nach dem Grad der Geneigtheit zum Antisemitismus die Stufen völkischer Bewußtheit und Verantwortlichkeit abteilt Dabei empfindet der Antisemit international: seine Verbundenheit mit dem Antisemiten jenseits der Grenzen, z. B. in Polen oder Ungarn, ist weit inniger als die mit unbezweifelbar gleichblutigen Volksgenossen, die ihm als Gegner gegenüberstehen: jenen reicht er die Bruderhand", diesen weist er ,,die gepanzerte Faust". So ist der Antisemitismus als sehr zentrale Angelegenheit seines Trägers sichtbar: teilt er doch die ihm wahrnehmbare Welt in eine helle und eine dunkle Hälfte; für die Ausbreitung der hellen fühlt er sich verantwortlich, zu ihr sich berufen — und fähig. Dieser Ausbreitungswille kommt ihm als Abwehrpflicht zum Bewußtsein. Er sieht in diese dunkle Welthälfte die Tendenz hinein sich auszubreiten, er meint sie von unversöhnlicher Feindschaft gegen die helle beseelt, und empfängt von dieser Wahrnehmung her die Berufung — zum Angriff, und die Legitimierung seiner eigenen Feindschaft gegen sie. Da sie, das unbedingt Minderwertige, auf der Erde, soweit sie ihn angeht und wie er sie sieht, einen breiten Einfluß hat, er aber, der Zahl nach klein und vom Ewig-Schlechten befeindet (nicht Böses sondern Schlechtes geht gegen ihn an, das verkündigt seine Höchstsetzung der -vitalen Werte) sich selbst als Krieger des Guten, d. h. des Edlen, Wohlgeratenen, Zarten und Echten empfindet, ist er mit Stolz Aristokrat, der die Herrschaft der Besten als Gesetz der Welt statuiert; und was dem Sein Qualität verleiht, ist das reine und edle Blut, die Abstammung von echten Germanen, denen allein die mystische Kraft des reinen primären Schöpfertums innewohnt. Daher sieht er Germanen, wo immer er bejahen muß, und die Helden der Bibel (auch Jesus, den er kriegerisch umdichtet nach Art des Heliand), die großen Italiener, die französischen Schöpfer der Gotik und die englischen des Dramas sind ihm Folgen germanischen Blutanteils in diesen Völkern. All das sind ihm bewiesene Dinge; und wenn Gelehrte dieser Völker sich gegen solche Hypothese wehren oder gar für das jüdische, lateinische, keltische oder sonst ein anderes Element das Schöpferische in Anspruch nehmen, erhebt sich seine Seele zur Verachtung solcher Anmaßungen. Vor anderen Schöpfungen, den indischen etwa, rettet er sich ins Ariertum; nur das Semitische, nur das Jüdische findet vor ihm als Metaphysiker keine Gnade. Er billigt ihm zu, daß es mächtig sei wie alles Gemeine, ja er hat ein starkes Bedürfnis, diese Macht zu übertreiben, aufzublasen, sie letzten Endes grell und drohend aller Welt in die Ohren zu schreien. ,,Das Judentum erstrebt die Weltherrschaft," ist ihm ein Axiom, welches nicht bewiesen zu werden braucht. Da er alles, was ihm gegensätzlich ist, als „jüdisch" wahrnimmt, sieht er in der europäischen Demokratie und im Weltsozialismus zunächst die jüdischen Personen, die daYan Teil haben; daß er den Weltkapitalismus ebenso sieht, versteht sich nebenbei; daher, und weil ihm, dem „Volk" der höchste irdische Wert und die einzig legitime Daseinsform des Menschen ist, alles Nichtvölkische von 9*