Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Der heutige deutsche Antisemitismus
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 130 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3101111-3101163-3101167-3105336--3938-3105357- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Arnold Zweig: Antisemitismus con amore widmet, weil nur ein Jude das Phänomen ganz sieht, erlebt hat, hinter sich hat, Jene wundere das nur, die nicht wissen,, daß das Daseinsgefühl eines Menschen, die jeden Morgen frisch anklingende Freude zu leben, über seinen Wert und seine Wohlgeratenheit wie über Art und Wesen des Volkes, dem abzustammen er das Glück und Schicksal hatr Tieferes und Geltenderes aussagt als jeder Chorus von Entwertung, der ihm entgegenschallt — woher, wie lange und wie laut auch immer er schalle. A. Antisemitismus als Phänomen i. Indem wir ohne historische oder soziologische Voraussetzungen lediglich den gegenwärtigen Antisemitismus deutscher Prägung mit langem offenem einsaugendem Blick umfassen, ein vorläufig noch dunkles Gebild seelischen Verhaltens, welches im Antisemiten angesichts des Jüdischen auftaucht, gewahren wir sofort den radikal verwerfenden Charakter dieses Phänomens. Ein negatives Vorzeichen ist dem Antisemiten überall mit Jüdischem gegeben, und umgekehrt antwortet er auf ihm Verwerfliches mit der unmittelbaren Empfindung: jüdisch — ob Körperform oder Kriegsausgang, Kunstwerk oder Wirtschaftsgestalt. Dem Antisemiten ist Stefan George ein Jude, weil er ihn mißfällig erregt, und Heine ist ihm ein Unwert, weil er Jude ist. Mit dieser Blickart sieht er auf Weltgeschichte und Gegenwart, sie vermittelt ihm das Relief der Dinge und Geschehnisse. Und nicht gelassen oder prüfend erlebt er dieses Relief, sondern mit scharfer ätzender Ungeduld verweist er dies Jüdische ins Verdammenswerte; leidenschaftliche Ablehnung des Verworfenen erfüllt ihn. So ist der Antisemitismus eine aggressive Weltanschauung, ein Aufruf zum Kampf gegen das Jüdische begleitet ihn. Ein Trieb, seine Umwelt von diesem Unwert zu befreien, zeigt den Glauben an das Mögliche des Erfolges an; er will das Jüdische aus Blickfeld und Lebenssphäre hinter die Grenze des Bemerkbaren verschieben, damit es ins Fremde versinke, woher kein Aufruf der Verantwortlichkeit für Sein und Leben mehr zu ihm spricht Verantwortlich fühlt er sich für Sein und Zukunft seines Volkes; dies die genaue Form dessen, was er Rassengefühl nennt, da er in seinem Volke den höchsten und verletzlichsten Typ seiner Rasse sieht und geneigt ist, nur dort Rassengemeinschaft klar ausgesprochen gelten zu lassen, wo er eine Gesinnungsgemeinschaft mitwahrnehmen kann: wo gleichfalls Antisemitismus das Volksgefühl, Selbstgefühl tingiert; daher er bei anderen gleichartigen Völkern, die nicht Antisemiten haben gleich ihm, entweder eine niedere Form des Selbstbewußtseins annimmt, falls er hofft, sie noch zur höheren antisemitischen Form des Selbstgefühls steigern zu können — oder Verjudung setzt. Sind die Angelsachsen z. B. „verjudet", so haben die Skandinavier und Holländer „ihren Feind noch nicht erkannt"; und wenn J. C. Smuts als Vertreter der Buren gelten darf, sind diese Buren „Verräter an der germanischen Rasse". Innerhalb seines Volkes scheidet er nach ähnlichen Skalen,