Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Der heutige deutsche Antisemitismus
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 129 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ARNOLD ZWEIG l DER HEUTIGE DEUTSCHE ANTISEMITISM US Vier Aufsätze IL Antisemitismus als jüdische Angelegenheit Verglichen mjt Problemen der Tat und Lebensordnung der Juden ist der Antisemitismus wirklich dritten Ranges; als Erkenntnisproblem aber, als Anstoß zum Denken, zur Richtung und Öffnung des Geistes, als Zwang zur Besinnung ünüberschätzbar. Wie? ein Volk geht seit zweitausend Jahren über die Erde, in den Zwischenräumen glücklicherer und mächtigerer Völker lebend, und überallhin begleitet es ein Phänomen der Ablehnung, des Zurückweichens vor ihm, der Verwerfung; dies Volk aber, an dem alle anderen sich als wertvoller selbstzufrieden rekognoszieren, denkt in zweitausend Jahren nicht an Rache für blutrünstiges Leid, nicht an Angriff gegen die kläglichste Lüge, sondern sein Leben mit unerschütterlicher Sicherheit in die Zukunft tragend verteidigt es sich nur durch Mimikry, Schweigen, Verachtung und durch das inbrünstige Klammern an seinen Gott? Empfindet es solch Abstoßungsphänomen etwa gar als normal, als in Ordnung irgendwie? Meint es vielleicht zuspüren, daß zur Rache und zum Gegenangriff kein Anlaß sei? — Wie dem auch sei: der Jude hat Grund, hier Ohr und Auge hinzuwenden und dies seelisch-soziale Produkt „Antisemitismus" zu prüfen: was es sei und was sich vielleicht darin verberge. Über diesen Komplex nachdenken heißt selbstverständlich nicht, über jüdisches Wesen nachdenken; wer sich so wenden wollte, wäre der Suggestion seines Gegenstandes von vornherein erlegen. Nicht was der Jude ist, gedenken wir in dieser Untersuchung zu erfahren, sondern was der Antisemitismus ist, woher er kommt, wohin er will und was er anzeigt — in einer Analyse, welche übrigens ihr Ergebnis nicht am Anfang, die Methode fälschend, unausgesprochen schon vorwegnimmt, welche nicht vom unterdrückten Tone der Entrüstung erzittert, und die, so paradox es klinge, ihrem Gegenstande, dieser geistigen Vielfalt, diesem Erkennbaren, diesem von der Freude an Erkenntnis vergoldeten Problem, mit Hingabe naht. . . Gibt sich der Mediziner doch mit innerer Wärme der Erforschung des Krebsproblems hin, ohne damit den Krebs als etwas Freudespendendes zu empfehlen. Und wenn ein Jude sich der Erforschung des H<*3. * o