Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Erziehung
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 127 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Umschau: Erziehung 127 vorübergehende Wahrheit. Denn wenn solch ein Lesen auch zuweilen verwirrten Köpfen schadet, die alles verstanden zu haben glauben, so wird dieser kleine Nachteil aufgewogen durch den Vorteil, daß die Grenzen der Kindesseele sich weiten. —---Die neue hebräische Erziehung, auf der Grundlage der Natürlichkeit errichtet, hat den Schwerpunkt von der geistigen Arbeit und ihrem Scharfsinn nach der Seite der unmittelbaren Anschauung hin verschoben» --Zur Erde selbst aber sind wir nicht zurückgekehrt, all die Naturtrunkenheit hat in die Schulen Anschauungsstunden gebracht und unsere Schüler zu Wanderungen veranlagt; aber die neue Schule hat ihre Zöglinge nicht wirklich zum Boden zurückgeführt, zur wirklichen Arbeit. Die geistige Arbeit wurde minderwertiger als wir es wünschten, das Innenleben verkümmerte mehr als nötig, aber neue Werte des Lebens hat die Schule nicht geschaffen.-- Die höchste, letzte Harmonie wird nur durch Verbindung von körperlicher und geistiger Arbeit geschaffen.--Dann werden wir keine blassen und schwachen Kinder haben, die den ganzen Tag auf der Schulbank sitzen und ängstlich und faul dem Lehrer zuhören. Die wenigen Unterrichtsstunden werden konzentriert sein, Stunden der Ruhe für den Körper und der erfreulichen Arbeit für den Geist. Die körperliche Arbeit wird die Muskeln der Kinder stärken, und wirkliche geistige Arbeit ihren Geist." Dieser Aufsatz ist hier nicht wiedergegeben, weil seine Gedanken besonders neu oder durchaus richtig wären. In Palästina stöhnen die Lehrer seit langem über die Fülle der Schulfächer, und auch in Europa sind Anklagen gegen die verwirrende Buntheit des Lehrstoffes und gegen die analytische Betrachtung des Kunstwerks seit Jahrzehnten an der Tagesordnung. Wenn Fichmann seine Forderung auf eine angebliche Eigenart des Judentums zurückführt, so wird er damit nur das Opfer einer verständlichen, häufigen, aber fast immer verkehrten nationalistischen Gewohnheit. Auch die Griechen begannen mit Homer, unsere Propheten und Geschichtenerzähler sind nicht bloß Dichter, und gar in unserer spanischen Periode blühte gleichzeitig Dichtung, Philosophie, Wissenschaft. Es hilft auch nicht viel, auf die Segnungen des Cheder und der Jeschibah zu verweisen, denn es läßt sich doch nicht verkennen, daß gerade das anhaltende Talmudstudium den Geist vieler Menschen so verbiegt, daß sie niemals imstande sind, sich eine vernünftige wissenschaftliche Methode anzueignen; wenn es doch einem geengt, so nicht infolge, sondern trotz seiner talmudischen Gelehrsamkeit, kraft seiner angeborenen Begabung. Zwei Momente macht Fichmann für den Niedergang des Geistes besonders verantwortlich: die Verniedlichung der großen poetischen Stoffe im Anfangsunterricht, und ihre Zerfaserung auf der mittleren und höheren Stufe. Ja und nein! Wir haben fast alle den Stoff der Bibel, Shakespeares, Homers schon gekannt, als wir die Originale oder Übersetzungen zum ersten Male lasen, — diese Kenntnis des Stoffes hat uns nichts geschadet und kann im Gegenteil gerade dahin wirken, daß wir für die rein künstlerische Wirkung um so empfänglicher werden. Und doch hat Fichmann recht, besonders für die Werke der Muttersprache, die im allgemeinen den Kindern viel zu spät in die Hand gegeben werden. Der Grundfehler aller heutigen Schullektüre ist — freilich in dem ganzen Aufbau der heutigen Schule begründet —, daß nur Bruchstücke gegeben werden, und vor allem die barbarische Sitte der sogenannten Lesebücher in der Muttersprache, wie sie in aller Welt eingeführt sind, wird längst von einsichtigen Pädagogen bekämpft. Fontane erzählt einmal, daß er das Glück hatte, die großen Dichter in dem Alter zu lesen, da sie gerade ein wenig über seinen Horizont gingen. Es gibt freilich auch Ausnahmen, Werke, die als Schullektüre allgemein eingeführt sind und doch nur für den Mann verständlich sind. Für die Bibel liegt die Sache besonders schwierig. Große Teile kann der heranwachsende Knabe auf sich wirken lassen. Das gilt selbst von manchen schwierigen Kapiteln der Propheten. Aber die Bibel hat uns nun Jahrtausende begleitet, und gewisse, ganz allgemeine Stimmungen der Bibel finden unsern Geist wohl zu ihrer Aufnahme vorbereitet. Gerade darin liegt eine Gefahr: in dieser von Fichmann betonten Musik der biblischen Dichtungen. Es kann einer Psalmen seit seiner frühesten Kindheit so gut auswendig können, ihre allgemeine Stimmung, ihre Musik so gut nachfühlen, daß er niemals imstande ist, auch nur einen einzigen Psalm in seiner Eigenart zu verstehen, so sehr ist er ihm von der einheitlichen, früh liebgewonnenen, gefühlsmäßigen Psalmensauce bedeckt. Ähnliches gilt von den Propheten. Vielleicht liegt Fichmann an diesem Verständnis nicht allzuviel? Damit habe ich mich schon der zweiten Frage genähert, der der Analyse des Kunstwerks in der Schule. Auch in Europa gibt es Pädagogen, leider nicht allzu viele, die den Worten Raumers zustimmen: „Aufrichtig gesagt, bin ich der Meinung, daß diese Dichtungen ihre großen und wesentlichen Bestimmungen erfüllen, auch ohne daß man ein Wort von ihnen erklärt. Empfängliche Schüler werden nach vollendeter Vorlesung still und schweigsam nach Hause gehen, erfüllt von den großen Gestalten