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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 2 · p. 126

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 2
Article
Erziehung
Date
1920-01-01
Page
126 (sequence 4)
Language
German
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126 Umschau: Erziehung Und warum? Weil der Pflug des Unterrichts seine Furchen bis zum Grunde zog, den Schüler mit unzerreißbaren Knoten an die Lehre band.--Zur geistigen Eigenart des Judentums gehört in allen Epochen die Gabe der Konzentration. Zerstreuung, Zerteilung, Überfluten der Ufer liegen ihr fern. Vielleicht gehört das zu den Grundlagen des uns eingeborenen Monismus.--Das unterscheidet uns von den Völkern des Westens. Bei den Griechen entwickelten sich alle Zweige der Kultur auf einmal: Dichtung, Philosophie, Wissenschaft, ja, man kann sie sich in gewissem Sinne ohne einander nicht vorstellen, wir aber schufen eine unsterbliche» Dichtung, als die anderen Zweige der Kultur noch nicht blühten; hohe kulturelle Vollkommenheit und völlige Brache lagen nebeneinander. Ihr werdet sagen, ich forderte wieder die Verengerung des Kreises, eine Ghettokultur. Keineswegs! Ich fordere die Rückkehr zur jüdischen Eigenart, keine Verengerung, sondern eine Konzentrierung des Programms.-----Jede Erkenntnis wird tiefer, je nachdem, ob wir sie selbst erwerben; nur das Tor, das wir mit eigener Hand öffnen, führt uns ins Heiligtum.--Heute gibt es keinen Gedanken, kein Gefühl, die das Kind mit eigener Kraft und auf eigenem Wege erringt. Alles setzt man ihm fertig vor.-- Zuweilen fühlt das normale Kind die Schönheit der Natur hundertmal mehr als der Lehrer, wenn es auch keine Worte hat, sein Entzücken auszusprechen, — vielleicht ruht alle Schönheit in diesem stummen Gefühl: dann kommt der Lehrer und legt dem Kinde ihm zum Trotz marktschreierische Worte von der Herrlichkeit des Alls in den Mund. Zahlreiche unserer Kindergärten können über die Schönheit des Himmels und der Sterne reden, über die Lieblichkeit der Blumen und die Färbungen des Sonnenuntergangs, und man will nicht einsehen, daß alles wahre Gefühl von selbst in den Tiefen der Seele wächst, und um so schöner zu seiner Zeit kommt, wenn man die Erkenntnis weniger darauf lenkt. — — Sprecht nur nicht so viel von der Liebe zum Hebräischen und zum Lande, wenn ihr wollt, daß diese Liebe keusch, natür-. lieh, heilig bleibe. Schreit nicht so laut, sonst entweiht ihr sie.--Der Lehrer mag anregen, andeuten, erleichtern, — nur nicht alles geben, so daß er dem Kind keinen Raum läßt, seine eigenen Kräfte zu vertiefen. Auf der Wertschätzung der eigenen Arbeit beruhte bei uns sogar der alte Unterricht, das selbständige Lernen von Talmud und Dezisoren bildete den Mittelpunkt der Arbeit. — - — Alle übermäßige Weichlichkeit, die wir in die Erziehung hineingebracht haben, führte uns dahin, daß unsere Schüler ein schwaches Hirn und ein schlechtes Gedächtnis haben. — Die Oberflächlichkeit ist bei uns zur Methode erhoben, zu einem Zeichen der „Erlösung".----Der Mangel an Selbsttätigkeit und eigener Vertiefung verdirbt vor allem den Unterricht in der Dichtung.-- Die Dichtung der heiligen Schrift, die auch der Wilde der Wüste von selbst begreift — außer einigen Stellen, bei denen meist auch der Unterricht nichts nützt, — bringt man den Kindern mit einer Menge Forschung und Wissenschaft, die vielleicht viele schwere Stellen erklären kann, aber dennoch die Hauptsache in Wahrheit verdunkelt. Der wissenschaftliche Unterricht in der Bibel taugt für die, die den ersten Eindruck schon erlebt haben, in denen die Seele der Worte schon lebendig ist, aber Kinder und sogar größere Knaben eine Dichtung analytisch zu lehren, ist unpädagogisch. Die ganze Kraft und Schönheit der biblischen Dichtung beruht in ihrem Gesamtrhythmus, im Atem der Weite, nicht in diesem oder jenem Vers.--Zuerst nährt man die Seele des Kindes lange mit Kinderliedern und Kindergeschichten. Je inhaltsloser und armseliger diese Dinge sind, desto mehr gefallen sie den Pädagogen. Man glaubt, den Kindern nur solche Dichtungen geben zu dürfen, deren ganzen Inhalt sie verstehen, und so päppelt man ihre zarte Seele, die sich nach dem Eindruck, großer Dichtung sehnt, gerade mit albernen und nichtigen Worten, arm an Inhalt und arm an Geist.--Aber die Seele, auch und vielleicht gerade die Kindesseele, schreit und fordert: Entfernt mir den Schleier, denn ich dürste nach dem, was ich nicht gesehen habe. Das Leben der Umgebung, gut oder schlecht, schön oder häßlich, begrenzt, beengt, verkleinert den geistigen Horizont» Man hält es für gut, wenn das Kind die Worte in seiner Sprache, seinem Geist, seinen Begriffen liest. Das gilt offenbar für kleine Kinder, — und auch nicht für alle. Aber ihr wißt nicht, wie sehr das Kind diese Worte anekeln,-- wie sehr es nach den Wundern der Welt dürstet. --Ihr wendet ein: das Kind gewöhnt sich, unverstandene Worte zu lesen, in deren Tiefe es nicht eindringt, und solch ein Lesen schadet. — — Aber ein Kind liest nichts, was es nicht versteht, im allgemeinen liest ein Kind auch nicht, was es versteht, wenn es langweilig ist, und bestimmt wird es keine unverstandenen Worte lesen, die es nicht ergreifen. Ich gebe zu, es gibt auch anders geartete Kinder, die gerade nach Dingen entbrennen, die über ihre Begriffe gehen, gerade bei jüdischen Kindern, und hier kann man so etwas befürchten. Aber auch hier verdunkelt man eine große und dauernde durch eine kleine und

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