Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Erziehung
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 128 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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128 Umschau: Erziehung und mächtigen Geschicken. Gegen diesen Eindruck gehalten aber sind vereinzelte Dunkelheiten, über die sie sich keine Rechenschaft geben können, völlig untergeordnet" Wenn aber doch einzelne Kunstwerke besprochen, analysiert werden, so geschieht es nicht sowohl um des Kunstwerks und seiner Wirkung» wie um der Wissenschaft willen, auf die doch schließlich die höheren Schulen vorbereiten sollen. Es ist richtig, daß gerade in der hebräischen Literatur größere Dichtungen von geschlossener Kunstform kaum vorhanden sind. Die Kunstwerke der Bibel sind aber gleichzeitig Dokumente unserer religiösen Vergangenheit, müssen als solche dem Verständnis der größeren Schüler, die ihre dichterische Schönheit schon früher haben auf sich wirken lassen, näher gebracht werden, und können vielfach erst so auch in ihrem künstlerischen Wert erfaßt werden. So meint es ja wohl schließlich Fichmann auch. Und es ist ausschließlich von dem Takte des Lehrers abhängig,, durch Vorbereitung und Analyse die Wirkung des Kunstwerks nicht zu zerstören, wie es meist geschieht, sondern zu vertiefen, zuweilen erst zu ermöglichen. Die tiefste Schwierigkeit unseres nationalen Unterrichts ist von Fichmann behandelt, und auch nicht behandelt: der Mangel einer irgendwie einheitlichen jüdischen Kultur der Gegenwart. Nicht der Lehrer,v nicht die Methode trägt die Hauptschuld, sondern eben dieses nationale Manko. Alle Völker Europas in ihrer verwirrenden Vielfältigkeit haben unser nationales Leben beeinflußt, und es ist uns nicht gelungen, aus dem allen eine Einheit zu schaffen. Einen Anfang haben die Lehrer Palästinas gemacht, sie vor allem, und Fichmann unterstreicht das: sie haben eine hebräische Gesinnung erweckt. Nun gilt es weiterzukommen. Fichmann legt die Finger auf die eine brennende Wunde: es droht geistige Verarmung. Dieses Gefühl wird hinter all seinen Worten spürbar. Und ich habe diese hier so ausführlich wiedergegeben, weil sie ein Beitrag sind zu der schwierigsten Frage der jüdischen Erziehung: Wie hören wir auf, ein Volk des Buches, des Verstandes zu sein, — und bleiben dennoch ein Volk des Geistes? Moses Calvary Für die Redaktion verantwortlich: Dr. Max Strauß, Berlin. — Jüdischer Verlag, Berlin. in Leipzig. — Druck vom Oscar Brandstetter