Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Erziehung
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 125 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Umschau: Erziehung 125 noch in Vorbereitung oder in den Anfängen stehen und deren Einzelheiten zu besprechen es noch nicht an der Zeit ist. Der Vorschlag, in dem Rosenzweigs Buch gipfelt, zunächst einfache jüdische Sprechzimmer zu schaffen, in denen jeder Jude sich die Nöte seiner Seele vom Herzen reden soll, ist gewiß schön; er ist ja in kleineren Kreisen schon von selbst durchgeführt, und ihn fruchtbar zu machen, ist zunächst weniger eine Frage der Einrichtungen, als der Männer, die in diesen Sprechzimmern helfen und raten werden. — Wenn dieses Buch zunächst eine Anklage des deutschen Judentums ist, so dringt gleichzeitig eine bittere Anklage der jüdischen Bildung Palästinas an unser Ohr, die Jakob Fich* mann erhebt*). Sie sei teilweise in Übersetzung hier wiedergegeben. „Wenn wir die Früchte der Arbeit einer ganzen Generation betrachten, sehen wir, daß diese unsere ganze Mühe, alle Schritte, die wir getan, uns unserm Ziele kaum näher gebracht haben. Trotz der guten Bedingungen, die wir für die hebräische Erziehung dadurch geschaffen haben, daß wir sie von den mittelalterlichen Fesseln befreiten und in den Heimatsboden verpflanzten, ist uns die Schöpfung einer selbsteigenen Kultur nicht gelungen. Umgekehrt zeigen sich vielfach beängstigende Zeichen des Siechtums, die nationale Kultur ist nicht gewachsen, die erhofften neuen Horizonte sind nicht da. Jener Prozeß des Wachstums, der Schöpfung ist wie unterbrochen. Von der Sonne der Heimat sind keine Blüten erzeugt, keine Saaten unter ihr hervorgesprossen, sie mag einen neuen Typus des Kindes, des Jünglings erzeugt, den krummen Rücken ein wenig gerade gebogen haben, hat aber leider sein geistiges Antlitz nicht verschönert. Sie hat seine Fassungskraft nicht vertieft, ihm keinen Vorzug vor der Jugend des Galuth gegeben, seine Seele nicht wesentlich bereichert, im Gegenteil blickt aus jeder Ecke hier geistige Armut hervor. — — Die neue hebräische Erziehung hat, trotz der Turnstunden in allen Schulen, nicht den gesunden, harmonischen Menschen geschaffen, in dem körperliche und geistige Kräfte organisch verschmolzen sind.---Die Schule hat ein Ziel, ein sehr wichtiges, erreicht, sie ist völlig hebräisch geworden, und wir schätzen diese nationale Eroberung nicht gering, aber wir müssen dennoch die bittere Wahrheit verkünden: Die Kräfte des jüdischen Lehrers reichten nicht aus, den Schlauch mit einem gesunden u^d stärkenden Trank zu füllen.--Wir , *) Maabaroth, Monatsschrift des Hapoel Hazair. »4- Jaffa, Redaktion Hapoel Hazair. Kislew8o. klagen den hebräischen Lehrer nicht an, wir wissen, daß die Eroberung der Sprache — die größte nationale Eroberung — eine Zeitlang die Konzentrierung aller Kräfte .erforderte.-- Die ganze neue hebräische Erziehung ist aus dem Stadium des Versuchs noch nicht herausgekommen, daran muß man immer und immer wieder erinnern. Die Gefahr besteht nicht darin, daß wir mit unserer Mühe so wenig erreicht haben, die Gefahr liegt in dem Gefrierpunkt, in der eigensinnigen Stumpfheit derer, die glauben, alles sei schon gut, und in der Resignation derer, die jede Verbesserung für unmöglich halten.---— Der Grundfehler der neuen hebräischen Schule ist der Mangel eines Mittelpunkts. Es fehlt ihr der Kern, um den alles Nebensächliche sich lagert.-- Auf den ersten Blick enthält sie allen Reichtum der Pädagogik, sie ist realististisch und humanistisch, man beschäftigt sich mit den Naturwissenschaften, wie mit den Geisteswissenschaften, --alles ist da, und nichts Ganzes. Die Entwicklung der Sprache, so wichtig gerade in der frühen Kindheit, beginnt im Kindergarten, auf dem wackligen Fundament der unglückseligen Kindergartenliteratur. — — Die Bibel, so wie es dasteht, zu erzählen, verbietet die Pädagogik, statt dessen erzählt die Kindergärtnerin den göttlichen Mythos ausgerechnet in ihrer eigenen wunderbaren Sprache, und man befürchtet gar nicht, daß diese törichten Ausdrucksweisen zu viel Eindruck auf das Kind machen, und daß es an dieser Erbschaft sein Leben lang zu tragen hat. Offenbar steht die Bibel im Mittelpunkt der neuen Erziehung. Aber wie armselig sind die Resultate? Wer von unseren Kindern kennt in Wahrheit die Dichtung der Bibel? Wen begleitet die Musik des Deuteronomiums sein Leben lang?--- Ihr wendet im Namen der Pädagogik ein: wir müssen das Kind für den Kampf des Lebens befähigen, wir wissen nicht, wogegen und wofür es wird kämpfen müssen, sind also verpflichtet, es zu allem zu befähigen.--Ich weiß, daß diese schreckliche Lehre nicht von euch stammt, sie ist europäisch, mathematisch-mechanisch, wenn sie glaubt, daß die Gesamtkultur durch Summierung von Einzelheiten zustande kommt.---Nein, meine Herren! Auf dem Fundament eines einzigen Faches, das wir uns in der Jugend sicher angeeignet haben, können wir nachher vieles aufbauen, auf vielen schwankenden Fundamenten nicht einmal wenig.--Das Studium des Talmuds, mit all seinen furchtbaren Konsequenzen, war doch eine gute Basis für die hebräische Kultur und befähigte auch zu einer anderen Kultur, es schuf selbst eine Art Harmonie.