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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 2 · p. 124

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 2
Article
Erziehung
Date
1920-01-01
Page
124 (sequence 2)
Language
German
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124 Umschau: Erziehung weiterführen; es wäre sehr gegen den Sinn dieser zionistischen »Galuthpolitik4, wenn auf die Weise etwa in jüdischen Gartenstädten in der Mark oder landwirtschaftlichen Siedlungen in Franken nun plötzlich ein wirkliches, nicht mehr portatives jüdisches Heimatgefühl entstünde". Diese Darstellung scheint mir ein wenig schief zu sein und die gegenwärtige Situation des Zionismus zu verkennen. Es ist richtig: in dem, worauf es ankommt und nicht nur Rosenzweig ankommt, steht der deutsche Zionismus tatsächlich nicht eben viel weiter als die übrigen deutschen Juden auch, er ist noch immer dabei, die Bedingungen zu schaffen. Es gab einmal in ihm etwas wie eine jüdische Bewegung, inneren Aufruhr der Jugend, Sehnsucht nach Judentum, die sich in Tat umsetzen wollte, vieles davon hat der Krieg und die Revolution verschlungen. Aus einer jüdischen Kulturbewegung, die sich andeutete, ist er wieder vielfach zu einer Partei, einer politischen Richtung geworden, ja, manche seiner Führer und Anhänger wollen ihn bewußt dazu stempeln. Es schien, als ob er erstarrte, wie Leblosigkeit liegt es auf weiten Schichten. Und doch sind Zeichen eines Wachstums unverkennbar. Es ist ja einfach nicht wahr, daß es dem Zionismus auf jenes Gefühl ankomme, in Europa nicht zu Hause zu sein; es kommt ihm auf jenes andere an, im Judentum wohl zu Hause zu sein. Freilich ist es gegen den Sinn des Zionismus, in Franken ein nicht mehr portatives jüdisches Heimatsgefühl zu erzeugen, wohl aber soll ein portatives jüdisches Heimatsgefühl wieder entstehen, ein Gefühl der Heimat im Judentum. Das ist zionistische Galuthpolitik. Der Zionismus weiß neute, daß er ohne die Grundlage jenes jüdischen Lebensgefühls in der Luft schwebte; aus eigenem Existenzbedürfnis sucht er aufzunehmen, was in Orthodoxie, im ,,Alljudentum" an solchem Gefühl sich regte, und da er sieht, wie das Judentum des Galuth verdorrt, sucht er ihm von seinen Ideen aus wieder Leben einzuhauchen. Was bedeutet denn zum Beispiel die Hebraisierung des Hauses, die der offizielle deutsche Zionismus seit langem predigt? Etwa, daß die jungen Zionisten hebräisch plappern lernen, um sich in Palästina ihre Wassermelonen und ihren Hammelbraten auf Hebräisch bestellen zu können? Oder fordern wir sie um des wichtigeren Zweckes willen, die großen Werke unserer Vergangenheit in Wahrheit kennen zu lernen? Beides scheint mir nicht den Kern zu treffen. Vielmehr soll das Hebräische uns erlösen aus jener Not des deutschen Judentums und die ,,Einheit des jüdischen Menschen" wieder erzeugen. Das Galuth in seiner verzweifelten Form ist ja eigentlich nicht zweitausend, sondern noch nicht zweihundert Jahre alt, seit die Juden nirgends mehr ein räumliches Zentrum haben, nach allen Ländern verschlagen sind und sich geweigert haben, allein deren Sprache zu sprechen. Wir deutschen Juden leben abseits vom allgemeinen jüdischen Leben, wie es sich in Ost-Europa, in Palästina, ja selbst in Amerika seit Jahrzehnten neu gestaltet. Die Sprache dieses neuen Judentums ist das Hebräische. Bildung allein, das Wort im edelsten Sinne genommen, kann nicht hinreichen, es gilt Teilnahme, durch Geben und Nehmen. Der Strom dieses jüdischen Lebens muß auch das deutsche Judentum, das bisher unbefruchtet und erstarrt beiseite liegt, durchfluten, der Blitz gesamt jüdischen Geistes seine toten Glieder durchzucken und auferwecken. Darum der Wunsch nach Kindergärten, nicht nur jüdischen, sondern hebräischen Kindergärten, darum der Plan der niederen und höheren Schulen, nicht nur jüdischer, sondern hebräischer oder doch hebraisierter Schulen. Darum die Forderung nach Hebraisierung des jüdischen Hauses. Das hat nichts zu tun mit einem Wunsch nach Isolierung und Ghettoisierung der Juden in Deutschland. Nicht eine Negierung des Deutschen, sondern die Betonung des Jüdischen ist der Ausgangspunkt. Wieweit so in der Seele des einzelnen Konflikte zwischen seinen jüdischen und deutschen Kulturelementen entstehen können, mag hier unerortert bleiben, aber auch der Jude, der aktiv am deutschen Staatsleben teilnimmt, muß eines Planes froh sein, der nur" verwirklicht werden kann, wenn Deutschland aus den Wirren seiner Gegenwart als ein Staat des Rechtes hervorgeht, eines Planes also, der die Erkämpfung dieses Rechtsstaates zur Bedingung macht. Wie Rosenzweig so die Motive verkennt, ist er auch ein wenig ungerecht gegen die wirklichen Anfänge des jüdischen Lebens, die sich im zionistischen Judentum Deutschlands leise ankündigen. Neues Leben verrät die Entwickelung des deutschen Misrachi unter dem Einfluß des Ostjudentums; darüber und über die Folgerungen für das Erziehungswesen wird hier gesprochen werden, wenn erst die Berichte über den deutschen Delegiertentag des Misrachi vorliegen. Daß ein Teil der zionistischen Jugend begonnen hat, ernsthaft die herkömmlichen Berufe des deutschen Juden mit einem naturgemäßeren Leben zu tauschen, ist gleichfalls nichts Geringes, auch die Besprechung dieser Erziehung des deutschen Juden durch Landwirtschaft und Gartenarbeit mag einer späteren Umschau vorbehalten bleiben. Das gleiche gilt von den neuen jüdischen Schulen Deutschlands, die alle

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