Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Emigration
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 122 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3101111-3101163-3101166-3105253--3926-3105325- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
122 Umschau: Emigration muß Hersch sich zum Wortführer der Anschauungen seiner Partei über die Emigration machen. Er * tut es wohl oder übel, einige Male sogar um den Preis eines Widerspruchs zu seinen eigenen Darlegungen. Hersch gibt sich als Legendenzerstörer. Jede Erschütterung einer Legende hat bei ihm ein bestimmtes Ziel: die Bekämpfung eines Punktes der territorialistischen Auffassung der Emigration, deren Vernichtung Hersch nicht wenige Seiten seines Buches gewidmet hat. Nun ist ein Hauptpunkt dieser Anschauung, daß mit der Entwicklung des Kapitalismus auch die jüdische Auswanderung stets wachsen muß. Es gilt also für Hersch zu zeigen, daß dies nicht zutrifft. Aber da die absoluten Ziffern der jüdischen Auswanderung sogar eine Zunahme zeigen (gerade die Jahre nach 1910, die von Hersch nicht mehr berücksichtigt werden konnten, zeigen ein merkliches Anschwellen), so nimmt Hersch eingehende statistische Berechnungen vor, um zu zeigen, daß die jüdische Emigrationsziffer im Vergleich mit der der Polen, Litauer und Ruthenen sichtlich zum Sinken neigt. Allerdings bemerkt er ausdrücklich, daß dieses Sinken sich durch das Steigen der Emigration der anderen Völker erklärt, und, was noch wichtiger ist, daß die Emigration der russischen Juden sichtlich der der anderen Völker überlegen bleibt. Dennoch liegt gerade in diesen Vergleichen der große Fehler aller Berechnungen Herschs, der — für uns — alle seine Schlüsse umwirft. Er vergleicht unvergleichbare Größen. Er vergleicht die fast ausschließlich städtischen Juden mit den Polen, Litauern und Ruthenen, ausgesprochenen Bauernvölkern, deren Emigration hauptsächlich aus Erdarbeitern besteht. Aus den Feststellungen Herschs folgt nur, daß im Vergleich mit der bäuerlichen Wanderung anderer Völker die jüdische städtische Wanderung zum Sinken neigt, nichts weiter! Und das beweist absolut nichts, Hersch kann nicht zeigen, daß die jüdische Wanderung nicht wächst, er verschleiert nur das Problem. Dasselbe läßt sich von der Versicherung Herschs sagen, daß die jüdische Emigrationsziffer nur in Rußland eine ungewöhnliche Höhe erreicht. Wenn er durch den Hinweis, daß sie in Österreich-Ungarn von der polnischen Ziffer übertroffen wird, eine weitere „Legende", die von dem allgemein anormalen Charakter der jüdischen Emigration, zerstören will, so übersieht er, daß trotz des im Verhältnis zu anderen Ländern beträchtlichen landwirtschaftlichen Elements unter den galizischen Juden (1910: 8,4%) die jüdischen Auswanderer von dort sich hauptsächlich aus städtischen Berufen rekrutieren, während die Auswanderer anderer österreichischer Nationalitäten hauptsächlich Bauern sind. Die „Legenden" bleiben also trotz der Anstrengungen Herschs weiter bestehen. Es würde zu weit führen, auf Einzelheiten des Buches kritisch einzugehen. Erwähnt werden muß noch der polemische Ton, in den Hersch allzuoft verfällt, und der in einem ernsten wissenschaftlichen. Werke wie dem vorliegenden nicht am Platze ist. Er hat eine frappierende Ähnlichkeit mit den Broschüren der Parteigenossen des Autors. Alles ist da, bis auf die Art, mit einem Federzuge „Antisemiten und Zionisten" in die engste Berührung zu bringen. Man fragt sich, welches wissenschaftliche Ziel diese Auslassungen verfolgen. 7. Im zweiten Teil des Buches, der die Ursachen, die bewegenden Kräfte und die Wirkungen der jüdischen Wanderbewegung enthält, ist eine Übereinstimmung bemerkenswert, die allerdings Hersch selber sicher nicht zugeben würde. Wie die Territorialisten, im Gegensatz zu seinen Parteifreunden, findet Hersch die Hauptursache der jüdischen Emigration in den ganz besonderen wirtschaftlichen Bedingungen der jüdischen Massen in Rußland, während die politischen nur eine sekundäre Rolle spielen. Wie die Territorialisten erkennt auch Hersch an, daß der Zug vom Lande in die Städte, der durch die Ausbreitung des Kapitalismus in Rußland hervorgerufen ist, dem jüdischen Handwerker und Händler eine erbitterte Konkurrenz macht und sie endlich vertreibt, um ihre Plätze einzunehmen. Noch mehr, Hersch muß anerkennen, daß die Neuangekommenen, und zwar endgültig, die Plätze in der Großindustrie besetzen, und daß es dem jüdischen Arbeiter nur um den Preis eines langen und höchst aufreibenden Kampfes gelingen kann — bisher aber nur in sehr bescheidenem Maße gelungen ist —, in die Werkstätten der modernen Großindustrie einzudringen. Auch die Erklärung, die Hersch von den Ursachen und dem Prozeß der jüdischen Wanderung gibt, ähnelt stark der territorialistischen Auffassung. Sie unterscheidet sich hauptsächlich in der Darlegung der Endziele dieser Bewegung. Hersch glaubt, daß die „Mißverständnisse" zwischen den jüdischen und den nichtjüdischen Arbeitern schließlich ohne allzuviel Schwierigkeiten geregelt werden können, und zitiert eine entsprechende Resolution seiner Partei. Die Territorialisten meinen, daß diese „Mißverständnisse" eine zu tiefe wirtschaftliche Ursache haben, als daß man sie einzig und allein mit gutem Willen aus dem Wege räumen könnte. Hersch glaubt nicht,