Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Emigration
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 121 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Umschau: Emigration 121 Verteilung der Auswanderer nach dem Geschlecht und dem Alter sowie die Beziehungen zwischen Emigration und Familie. Wenn ein Bauer in Amerika bleibt und so darauf verzichtet, in sein Heimatland zurückzukehren, so löst sich das wirtschaftliche Band zwischen ihm und seiner zurückgebliebenen Familie. Die Familie teilt sich in zwei wirtschaftliche Einheiten, die ein absolut getrenntes Dasein führen. Anders bei den Juden, bei denen die Emigration nur sehr selten zwei getrennte und unabhängige Einheiten in derselben Familie schafft. Der Emigrant unterhält seine zurückgebliebene Familie und läßt sie so bald wie möglich nachkommen. Endlich ist die Berufsstruktur der Juden die Ursache dafür, daß ihr Anteil an der Auswanderung, wie Hersch behauptet, sinkt. Die jüdische Auswanderung aus Osteuropa hat dasselbe Schicksal wie die industrielle und kommerzielle Auswanderung aus diesen Ländern im allgemeinen. Die Juden, der industrielle Teil der Bevölkerung, beginnen früher als die hauptsächlich bäuerliche nichtjüdische Bevölkerung zu wandern, wie sie überhaupt die Vorboten notwendiger wirtschaftlicher Entwicklungen zu sein pflegen. Bei dieser letzteren setzt die infolge der allgemeinen wirtschaftlichen Verhältnisse notwendige Emigration erst später ein, da sie schwerer in Bewegung zu setzen ist; dann aber beginnt der Anteil der Juden an der Auswanderung naturgemäß zu sinken. 5. Welches sind die Wirkungen der Emigration? Die Antwort ist sehr schwierig, da wir keine genügenden tatsächlichen Grundlagen dafür besitzen. Hersch begnügt sich klugerweise mit einigen allgemeinen Zügen. Sicherlich bewirkt die Auswanderung im allgemeinen eine Verbesserung der wirtschaftlichen Lage der Wanderer. Anderseits bringt sie eine fühlbare Erleichterung für die ökonomische Situation der großen Masse der zurückbleibenden Juden. Direkt äußert sich diese Wirkung darin, daß die Auswanderer regelmäßig den zurückgebliebenen Verwandten beträchtliche Geldsummen senden. Das geht so weit, daß in Rußland zahlreiche Flecken und Städtchen nur dank den Sendungen der Emigranten existieren. Die indirekte Wirkung ist eine mögliche Abschwächung der Überfüllung im Ansiedlungsrayon. Möglich, sagt Hersch, denn es handelt sich hier nur um eine Vermutung. Anderseits aber hat die Emigration auch negative Wirkungen: sie lenkt die Energie der Juden von den Anstrengungen ab, die sie im Lande selbst zur Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Lage machen müßten, und erscheint unter diesem Gesichtspunkt dem Autor als schädlich für das jüdische Proletariat. Die Emigration, die durch das Prinzip des geringsten Kraftaufwandes diktierte Methode, ist weit davon entfernt, die beste Lösung der fürchterlichen Krise zu sein, die die Juden der Gegenwart in Osteuropa durchmachen. Die Emigration kann nicht das allmähliche Verschwinden der Juden aus ihren jetzigen Wohnländern zur Folge haben, wie es die Antisemiten hoffen. Der Autor zeigt, das trotz der enormen Auswanderung der russischen Juden die jüdische Bevölkerung dieses Landes von 1899 bis 1910 um wenigstens 150000 Menschen gewachsen ist. Eine Wirkung der Auswanderung ist allerdings, daß in einigen Gegenden die absolute Zahl der jüdischen Bevölkerung und ihr Verhältnis zur Gesamtbevöikerung tatsächlich gesunken ist. Die Binnenwanderung im Verein mit der überseeischen Wanderung verschieben den Schwerpunkt der jüdischen Bevölkerung von Rußland und Litauen nach Polen hin. Man kann sagen, daß alle gegenwärtigen Wanderungen der osteuropäischen Juden — Binnenwanderungen, Kontinentalwanderungen und überseeische Wanderungen — eine große Bewegung zu werden scheinen, die von den Dörfern zu den Städten, von den kleinen Städten in die Großstädte geht und die jüdische Bevölkerung in den Großstädten und Industriezentren konzentrieren wird. 6. Was ein Buch zu einem wissenschaftlichen Werk macht und ihm als solches Wert gibt, ist die Untersuchung der Tatsachen unbekümmert darum, ob die Resultate der Untersuchung bestimmten vorgefaßten Ideen entsprechen, die Tendenzfreiheit. Unter diesem Gesichtspunkt läßt sich gegen das Buch von Hersch ein schwerer Vorwurf erheben. Trotz der Beteuerung des Autors, daß sein Buch unabhängig von a priori angenommenen theoretischen Erwägungen geschrieben sei, ist es dennoch ganz von solchen durchtränkt, und das a priori spielt nicht nur in den Schlußfolgerungen Herschs, sondern sogar in seiner Darstellung der Tatsachen eine große Rolle. Hersch ist Mitglied des „Bund", der bekannten jüdischen sozialistischen Partei. Er sagt es uns bereits in den ersten Seiten seines Werkes, in denen er in der Rolle eines nüchternen Beobachters, den „die zionistischen Träume unberührt lassen", erklärt, daß die heutigen Juden keine einheitliche Nation bilden und die russischen, österreichischen und rumänischen Juden auf Grund ihrer jiddischen Sprache eine von den Juden anderer Länder unterschiedene ethnographische Gruppe darstellen. Als guter Bund ist