Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Emigration
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 123 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Umschau: Erziehung 123 daß die jüdische Wanderbewegung, vor der sich schließlich nach und nach alle Einwanderungsländer verschließen werden, notwendig zur Errichtung eines unabhängigen nationalen Wirtschaftslebens auf eigenem Territorium führen muß. Aber kann er leugnen, daß die jüdische Auswanderung nach und nach ihre Abflußmöglichkeiten verliert, und daß mit der Abschließung vor den Fluten der jüdischen Einwanderung, die in den Vereinigten Staaten zu befürchten ist, diese andere Zufluchtsstätten suchen muß? Und wer kann dafür einstehen, daß sich in diesen anderen Ländern der Vorgang nicht wiederholt? Es scheint, daß die jüdische Einwanderung in den Vereinigten Staaten bereits ihren Höhepunkt erreicht hat und das Land beginnt, in wirtschaftlicher Beziehung von Juden saturiert zu sein. Dasselbe kann auch in anderen Ländern in einem entsprechenden Augenblick ihrer wirtschaftlichen Entwicklung geschehen. 8. Trotz dieser Fehler und mancher Unklarheiten des Autors stellt Herschs Buch einen großen und wesentlichen wissenschaftlichen Wert dar. Er war der erste, der eine tiefgehende Studie über die Tatsachen der Wanderbewegung gegeben hat. Der statistische Teil des Buches ist eine ausgezeichnete Leistung, die zahlreichen Tabellen und Diagramme zeigen in ihrer exakten und wissenschaftlichen Arbeit die Hand des Spezialisten auf diesem Gebiete. Der zweite Teil gibt ein zutreffendes Bild der wirtschaftlichen Lage der Juden in Rußland und damit eine ausgezeichnete und eindringende Analyse der Ursachen der jüdischen Emigration. Das Buch ist für jeden unentbehrlich, der diese Probleme unseres nationalen Lebens ernsthaft studieren will. Wir sagten, das Buch Herschs ist ein gutes Buch. Wir dürfen hinzufügen: es ist das beste Buch, das bisher über die jüdische Emigration geschrieben wurde. Aber sicherlich ist es noch nicht das Buch über die jüdische Emigration. A. Granowsky ERZIEHUNG Schon einmal hat Franz Rosenzweig einen Weckruf an die deutschen Juden gerichtet mit seiner Schrift „Zeit ist's!1*. Mit Unrecht beklagt er jetzt, daß die utopistischen Ziele seines damaligen Lehrplans seiner Idee geschadet hätten: in Wahrheit wollte man wohl nicht mit ihm Wissenschaft und Lehrerbildung verquicken und mag auch überzeugt sein, daß die Organisierung der jüdischen Wissenschaft keine Sache sei, die man „auf Jahrhunderte vertagen" kann. Die neue Schrift*), in der er, nebenbei, auch diesen Vorwurf ausspricht, ist wiederum der Ausdruck eines reinen, lauteren Menschentums, das sich Gehör erzwingt, auch wo man ihm nicht zustimmt. Er klagt das ganze deutsche Judentum an. Orthodoxie, Zionismus, Liberalismus, die Vertreter „der jüdischen Pflichten, der jüdischen Aufgaben, der jüdischen Ideen". Es liegt nicht eben viel daran, an seiner Nomenklatur herumzumäkeln, ich könnte sie auch nicht recht bekämpfen, da ich die verzwickten Gedankengänge gar nicht ganz verstanden habe, in denen er beweist, daß Deutschtum, Franzosentum, ebenso wie Unterschiede der Begabungen und des Charakters, Begrenzungen enthalten, die an anderen Begrenzungen ihre Grenze rinden, während Judentum, Christentum, Heidentum keine abgrenzenden Schranken sind, sondern, als unbegrenzt, nur an Unbegrenztem sich begrenzen. Wenn man die Idee Judentum verunendlicht und die Idee Deutschtum verengt, mag ja so etwas herauskommen; wenn man's umgekehrt machte, ließe sich das Gegenteil demonstrieren („deutsch sein heißt echt sein", wir kennen die Melodie). Die Terminologie ist jedoch im Zusammenhange der Schrift zunächst nicht so wesentlich, denn die unerträgliche Lage des deutschen Judentums kann und muß jenseits aller solcher Einteilungen empfunden werden. Es fehlt uns, betont Rosenzweig, das jüdische Leben. Worin früher unser jüdisches Leben sich ausdrückte, im jüdischen Gesetz, im jüdischen Hause, in der Synagoge, das alles ist im Verdorren, und der Kampf ums Recht, der allein noch die deutschen Juden eint, konnte nur zu einer Apologie des Judentums, nicht zu einem Leben des Judentums führen. Im Rahmen dieser Darstellung fällt auf den Zionismus ein besonderes Licht. „Der Zionismus, genialer Diagnostiker, aber sehr mittelmäßiger Behandler, hat das Übel erkannt, aber die falsche Therapie angegeben." Er erkannte den Mangel an jüdischem Leben, er erkannte, was uns zusammenhält: die Einheit des jüdischen Menschen. Aber um das Übel zu heben, starrt er auf Palästina, begnügt sich in Deutschland damit, den Juden zu isolieren, ihm das Gefühl der Fremdheit in Europa zu geben; an die Stelle des ,portativen Vaterlands', wie es das ehemalige Judentum war, soll eine „portative Vaterlandslosigkeit" treten. Die Isolierung „soll nach zionistischer Absicht auch gar nicht *) Franz Rosenzweig, Bildung — und kein Ende. Pred. 12, 12. Wünsche zum jüdischen Bildungsproblem des Augenblicks, insbesondere zur Volkshochschulfrage. Frankfurt a. M. J. Kauffmann. 1920.