Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Emigration
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 120 (sequence 3)
- Language
- German
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120 Umschau: Emigration wohnlichen Umfang und so charakteristische Besonderheiten geben? Hersch prüft die bestehenden Theorien über die Ursachen der jüdischen Wanderung, die Erklärung durch die Rasse, die die Juden ihrer Natur nach für ein wanderndes Volk hält, die territorialistische Erklärung, die den Grund in dem Fehlen des eigenen Territoriums sieht, und die politische Erklärung. Er unterwirft die beiden ersten einer strengen Kritik und zeigt sich sehr wohlwollend gegen die dritte, die ihm ein gutes Teil Wahrheit zu enthalten scheint, deren Ergänzung er sich aber vorbehält. Die politische Erklärung findet die Hauptursache der enormen jüdischen Emigration in dem zurückgebliebenen Zustand Rußlands und besonders in den legalen und illegalen Verfolgungen, deren Gegenstand die Juden zu einer Zeit sind, in der der Kapitalismus mehr und mehr das Ökonomische Leben des Landes beherrscht. Da aber Hersch selber das Ungenügende dieser Theorie fühlt, ergänzt er sie sehr wesentlich im zweiten, sehr interessanten Teil seines Werkes. Die Tatsache der ungleichmäßigen Verteilung der Berufe unter den jüdischen Emigranten erklärt sich durch die Überfüllung gewisser Berufe der Juden in Rußland. Daher die große Zahl der Schneider und der Luftmenschen unter den Auswanderern. Die Berufsstruktur der Juden in Rußland zeigt eine überaus starke Zusammendrängung der Juden in einigen Berufen, besonders im Bekleidungsgewerbe und im Handel mit Vieh, Getreide und anderen landwirtschaftlichen Produkten. Das erste umfaßt 16,5 % der berufstätigen Juden im Ansiedlungsrayon (gegen 2% bei den Nichtjuden), die genannten Handelszweige 14 °/0 (gegen 0,6°/0 bei den Nichtjuden). Für gewisse Gegenden des Ansiedlungsrayons ist diese Überfüllung noch stärker. Anderseits ist der Ansiedlungsrayon kein genügend großer Markt, als daß die Juden, die sich dort dem Bekleidungsgewerbe und dem Handel widmen, auch nur den notwendigsten Lebensunterhalt verdienen könnten, selbst wenn die christliche Bevölkerung keinen Unterschied zwischen Juden und Christen beim Kauf und Verkauf machen würde; denn im Ansiedlungsrayon sind weit mehr Personen in diesen Berufszweigen beschäftigt, als er auf seiner jetzigen wirtschaftlichen Stufe ernähren kann. Die Juden müssen entweder zu anderen Berufen übergehen oder auswandern, und da das erste nicht leicht ist, tun sie das zweite. Aber der an sich schon kleine Markt verengert sich noch durch die Konkurrenz, die die in die Städte einwandernde bäuerliche Bevölkerung den Juden macht. Hersch konstatiert, daß die Lage der Bauern einen großen Einfluß auf die der Juden hat und daß die Agrarkrisen ein Anwachsen der Emigration bewirken. Je schlechter die Ernte ist, desto größer die Emigration. Außerdem rufen diese Krisen eine erhebliche Binnenwanderung vom Lande nach den Städten hin hervor. Ein Teil dieser Wanderer tritt als Lohnarbeiter in die Großindustrie, andere werden Kleinhändler oder Handwerker. In allen diesen Fällen kommt ein Augenblick, in dem Reibungen zwischen Juden und Nichtjuden entstehen. Ein Mittel zur Bekämpfung des eingeschränkten Marktes wäre es nach Hersch, von der Produktion für den lokalen Markt zu der für den Weltmarkt überzugehen. So kann man in der Schuhindustrie bereits eine Entwicklung in diesem Sinne feststellen. Hersch sieht in dieser Tatsache die Erklärung dafür, daß die jüdischen Schuhmacher, absolut und relativ betrachtet, in weit geringerer Zahl auswandern als die Berufstätigen in anderen Zweigen des Bekleidungsgewerbes, ja sogar in verschiedenen anderen gelernten Berufen. Aber gerade das Bekleidungsgewerbe und der Kleinhandel arbeitet ausschließlich für den lokalen Markt und kann unmöglich zur Produktion für den Weltmarkt übergehen. Daher sind nicht nur die Produzenten, sondern auch die Produkte im Ansiedlungsrayon eingeschlossen. Wenn man zu alldem noch die Einschränkungen, die in Rußland die freie Berufswahl für eine Reihe von Erwerbszweigen unmöglich machen, und einige andere weniger wichtige Ursachen hinzufügt, so versteht man, daß die Juden in Massen zur Auswanderung gezwungen werden. Die ganz spezielle jüdische Berufsschichtung ist nicht nur die Grundursache für den außerordentlichen Umfang der Auswanderung, sondern bestimmt auch die Verteilung der Berufe unter den Auswanderern. Diese letztere zeigt ein noch stärkeres Mißverhältnis als die Berufsschichtung unter der Bevölkerung des Ansiedlungsrayons: so bilden die Angehörigen des Bekleidungsgewerbes 10% der berufstätigen Bevölkerung des Rayons, aber 31 °/0 der berufstätigen Emigranten. Weiter bestimmt die Berufsschichtung der Juden auch die Richtung der jüdischen Wanderer. Die jüdischen Schneider und Kaufleute können nur in ein Land gehen, das eine zahlreiche und verhältnismäßig wohlhabende Bevölkerung besitzt. Deshalb wenden sie sich nach den Vereinigten Staaten. Sie bestimmt ferner die Dauer der Emigration: die ökonomische Bindung an das Geburtsland ist bei dem Juden, dem gelernten Arbeiter, weit geringer als bei den anderen Emigranten, die in der Mehrzahl Bauern sind. Die Berufsstruktur der jüdischen Bevölkerung, die den Juden zur Emigration treibt, hindert ihn auch, in sein Geburtsland zurückzukehren. Ebenso bestimmt sie die