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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 2 · p. 119

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 2
Article
Emigration
Date
1920-01-01
Page
119 (sequence 2)
Language
German
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Umschau: Emigration ng vergleicht die Wanderung der Völker, unter denen die Juden leben (Polen, Litauer, Ruthenen) mit der der Juden und stellt dabei fest, daß der prozentuale Anteil der Juden in Rußland wie in Österreich geringer wird, und zwar infolge des Anschwellens der Wanderungen bei den Landesvölkern. Auf diesen Punkt legt Hersch ganz besonderes Gewicht; er schließt daraus, daß die Behauptung, die jüdische Auswanderung sei im Verhältnis zu der Wanderung der umwohnenden Völker in ständigem Wachstum begriffen, nur eine Legende ist. Dennoch ist der Anteil der jüdischen Emigration innerhalb der allgemeinen außerordentlich groß. Um sich vom Umfang der Auswanderung eines Volkes Rechenschaft zu geben, muß man die Zahl der Auswanderer zu der Gesamtziffer der Bevölkerung in Beziehung setzen; man erhält so die von Hersch als Emigrationsziffer bezeichnete Zahl. Auf ioooo Juden in Rußland wandern jährlich durchschnittlich 160 aus, davon 135 nach den Vereinigten Staaten. Das ist eine viermal so große Emigrationsziffer als die der umwohnenden Völker innerhalb des Ansiedlungsrayons. Es ist die höchste Ziffer, die überhaupt gegenwärtig von irgendeinem Volke erreicht wurde. Die Emigrationsziffer der österreichischen Juden ist 90 auf 10000; sie ist ebenfalls sehr hoch, bietet aber im Verhältnis zur Emigration anderer europäischer Völker nichts Außergewöhnliches. Eine gleiche Anzahl Juden liefert also in Rußland ungefähr doppelt soviel Auswanderer wie in Österreich- Ungarn. Hersch führt dies auf die politischen Verfolgungen in Rußland zurück. In Galizien, wo solche ungünstigen politischen Bedingungen nicht vorliegen, sehen wir, daß auf eine gleiche Anzahl von Einwohnern eines jeden Volkes (Juden, Polen, Ruthenen) durchschnittlich jährlich ein Ruthene, zwei Juden und drei Polen auswandern. In Ungarn und den Balkanländern, außer Rumänien, ist die Emigrationsziffer der Juden merklich geringer als die der umwohnenden Völker. Damit glaubt Hersch eine zweite sehr verbreitete Legende zu zerstören, wonach die Juden überall verhältnisniäßig mehr Auswanderer als die Landesbevölkerung stellen. Zieht man die Rückwanderung in Betracht, so zeigt sich, daß bei den Juden die dauernde Auswanderung einen weit größeren Umfang hat als bei den übrigen Völkern. Das unterscheidet sie namentlich von den slawischen und südeuropäischen Völkern, deren Emigration zum großen Teil nur vorübergehend ist. Die Ziffer für die dauernde Emigration ist in Rußland bei den Juden dreimal so groß wie bei den Polen; in Österreich ist sie bei beiden Völkern etwa gleich. Bei denrussischen Juden ist die Emigrationsziffer doppelt so groß als bei den österreichischen Juden. 3* Bei näherer Betrachtung zeigt sich, daß die Masse der jüdischen Emigranten völlig eigenartig und höchst charakteristisch zusammengesetzt ist. Die Untersuchung nach Geschlecht und Alter ergibt, daß die Frauen einen ungewöhnlich hohen Prozentsatz (45%) der jüdischen Wanderung bilden. Der Prozentsatz der Kinder wird von keinem anderen Volke erreicht: er beträgt 25% der gesamten jüdischen Emigration. Man kann sagen, daß der Anteil der zur Berufsarbeit minder Geeigneten (Kinder und ältere über 45 Jahren) bei den jüdischen Emigranten der höchste ist. Nimmt man die auf diese Alters- und Geschlechtsverteilung zurückgehende Tatsache hinzu, daß die Berufslosen, in der Hauptsache nicht arbeitende Familienangehörige, fast die Hälfte der jüdischen Einwanderer ausmachen, so folgt aus alledem der Schluß: die jüdische Wanderung ist im Gegensatz zu der Wanderung anderer osteuropäischer Völker eine Familienwanderung. Bezüglich des Bildungsgrades der jüdischen Wanderer sei eine erschreckende Tatsache 'hervorgehoben, die den meisten Juden unbekannt ist: mehr als ein Viertel der Erwachsenen sind Analphabeten; ja diese Zahl zeigt im allgemeinen sogar die Tendenz zur Steigerung. Die Behauptung, daß die Juden das Volk des Geistes seien, stellt sich als eine von der Wirklichkeit weit entfernte Legende heraus. Höchst merkwürdig sind die Besonderheiten der Berufsschichtung der jüdischen Wanderer. Die weitaus stärkste Gruppe, zwei Drittel der Berufstätigen, sind die gelernten Arbeiter. Kein anderes Volk hat auch nur annähernd so viel gelernte Arbeiter nach Amerika geschickt wie die Juden. Unter ihnen wieder gehören mehr als die Hälfte dem Bekleidungsgewerbe an. Das letzte Drittel besteht fast ganz aus Bediensteten, Kleinhändlern und früheren Kleinhändlern. Grob zusammenfassend, kommt Hersch zu der verblüffenden, aber den einzigartigen Berufscharakter der jüdischen Wanderung sehr gut kennzeichnenden Formel: auf drei jüdische Auswanderer kommt ein Luftmensch und ein Schneider. Der Prozentsatz dieser letzteren steigt beständig. Die jüdische Wanderung zeigte die Tendenz, mehr und mehr eine Schneiderwanderung zu werden; die Emigration anderer jüdischer Arbeitergruppen nahm ab. 4- Welches sind die hauptsächlichen Ursachen, die der jüdischen Emigration einen so unge-

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