Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Arbeiterbewegung
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 117 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Umschau: Arbeiterbewegung 117 herrschenden Positionen — Bergbau, Metallindustrie, Verkehrswesen usw. — dringen sie nicht ein. Im Verhältnis zur allgemeinen Produktion repräsentieren die jüdischen Betriebe einen in bezug auf Konzentration, Technik und Arbeitsbedingungen (Schwitzsystem!) rückständigen Typus. Die immer stärker werdenden einwanderungsfeindlichen Tendenzen in Amerika machen zudem in absehbarer Zeit Einwanderungsbeschränkungen wahrscheinlich. Und — was die Hauptsache ist — die Wanderbewegung führt, solange sie die bisherige Richtung beibehält, nicht zur Überwindung der Exterritorialität im oben angedeuteten Sinne, d.h. sie führt nicht zur radikalen Lösung der Judenfrage. Diese ist nur möglich durch die Lenkung des Emigrationstroms auf ein bestimmtes Territorium, wo die Bedingungen für den Aufbau einer selbständigen jüdischen Wirtschaft gegeben sind. Soweit — in großen Strichen — die gemeinsamen Gedankengänge der drei territorialistischsozialistischen Richtungen der jüdischen Arbeiterbewegung vor dem Kriege, Die Meinungsverschiedenheiten betrafen vornehmlich folgende drei Punkte: 1. Palästina oder Territorium, 2. Den Weg der Realisierung des Territorialismus, 3. Die Beurteilung des Golus und das Golusprogramm. Die „Zionisten-Sozialisten" (S. S.) behielten offenbar traditionshalber diesen aus der Gründungszeit der Partei stammenden Namen bei, auch nachdem sie zu einem extrem antipalästinensischen Territorialismus übergegangen waren. In der Emigration, die sie als eine eminent aufbauende und schöpferische Erscheinung des jüdischen Lebens betrachteten, sahen sie die historische Kraft, die aus innerer Gesetzmäßigkeit heraus zur Realisierung des Territorialismus führt. „Ihre (der Emigration) gegenwärtige Entwicklung enthält in sich bereits die Keime der künftigen jüdischen Gesellschaft4 ' — heißt es in der Resolution der Gründungskonferenz (1906). „Indem sie sich in die Richtung des geringsten Widerstandes wendet, muß sich die jüdische Emigration in Kolonisation verwandeln, die durch ihren kollektiven Charakter die Konzentration der jüdischen Massen auf einem freien Territorium fördert. Der Emigrations- und Kolonisationsprozeß schafft in seiner Entwicklung einen realen Boden für das Entstehen einer jüdischen Gesellschaft." Von einer territorialistischen Tätigkeit konnte natürlich keine Rede sein, solange das vom historischen Prozeß selbst auszuersehende Territorium noch nicht bekannt oder durch die Forschungen der bürgerlichen Territorialisten noch nicht entdeckt war. Später suchten die S. S. die Befriedigung ihres territorialistischen Gewissens in der Propaganda des Gedankens des jüdischen Emigrationskongresses und der Regulierung der Emigration. In bezug auf das Golus waren die S. S. von einem hoffnungslosen Pessimismus beseelt Sie sahen bloß zerstörende Kräfte am Werke, und ihre Prognose für die Zukunft war die unabwendbare und wachsende Degeneration. Demgemäß war auch ihr Golusprogramm ein sehr bescheidenes. Sie forderten neben der bürgerlichen Gleichberechtigung und beschränkten Sprachenrechten die Überlassung der jüdischen Volksbildung an freie jüdische Schulverbände. Die Forderung der nationalen Autonomie lehnten sie ab. Die „Sejmisten" (Jüdische Sozialistische Arbeiterpartei, kurz J. S.) hatten mit den S. S. den nichtpalästinensischen Territorialismus gemein, standen jedoch sonst mit ihren Auffassungen im schroffsten Gegensatz zu diesen. Der absoluten Verelendungstheorie der S. S. stellten sie einen nationalen Optimismus entgegen, der das Unnormale der Lage des jüdischen Proletariats nicht im absoluten Niedergang, sondern bloß in dem beständig wachsenden Abstand zwischen seiner sozialen Entwickelung und Macht und derjenigen des Proletariats normaler Völker sah. Der Name Sejmisten kennzeichnet die dominierende Rolle des „Sejm", der mit weitgehenden gesetzgeberischen Befugnissen ausgestatteten demokratischen jüdischen Volksvertretung im Programm dieser Partei. Ausgehend von den Ideen Karl Renners forderten sie eine nicht nur die kulturellen, sondern auch die spezifischjüdischen ökonomischen und politischen Angelegenheiten umfassende nationale Autonomie (auf Grund des Personalprinzips). In dieser sahen sie auch den einzigen Weg zur Verwirklichung des Territorialismus. Einerseits sei nur der Sejm imstande, die hierfür notwendigen finanziellen und organisatorischen Kräfte aufzubringen, andererseits sei der Sejm die einzige Plattform, wo das jüdische Proletariat durch seinen Klassenkampf die Bourgeoisie zum Territorialismus überhaupt und zur Anwendung der den Interessen der arbeitenden Massen entsprechenden Kolonisationsmethoden zwingen kann. Daß bei diesen Auffassungen von einer territorialistischen Tätigkeit vorderhand keine Rede sein konnte, ist klar. Tatsächlich trat mit der Zeit der Territorialismus gegenüber dem Autonomismus der Partei fast vollständig in den Hintergrund. Dieser Prozeß des Verblassens des territorialistischen Gedankens bis zu einer bloßen tradi-