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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 2 · p. 116

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 2
Article
Arbeiterbewegung
Date
1920-01-01
Page
116 (sequence 3)
Language
German
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Umschau: Arbeiterbewegung In schärfstem Gegensatz zum Bund stehen sämtliche anderen Strömungen des jüdischen Sozialismus, die übrigens alle derselben Quelle entsprungen und auch rein äußerlich aus der Verzweigung ursprünglich einheitlicher Anfänge hervorgegangen sind. Die Keime der neuen Bewegung lagen bereits in den zahlreichen Vereinen und Gruppen zionistischer Arbeiter und Angestellten, die sich schon in den neunziger Jahren zunächst rein gefühls- und instinktmäßig von den bürgerlich-zionistischen Elementen absonderten, ohne eigentlich besondere Bestrebungen zu haben. Sie nannten sich, meist unabhängig voneinander, „Poale-Zion" — Arbeiter Zions. Aber sehr bald begann sich, durch die revolutionären Vorgänge in Rußland mächtig gefördert, aus diesen Keimen eine neue politische Strömung von ausgesprochenem Klassencharakter zu kristallisieren, die bereits mit vollem Bewußtsein auf sozialistischem Boden stand und in der Verwirklichung des Zionismus eine grundlegende Etappe auf dem Wege des jüdischen Proletariates zum Sozialismus erblickte. Die Uganda-Krise des Zionismus und die auf dem siebenten Zionistenkongreß erfolgte Abspaltung der Territorialisten (1905) erschütterte die ohnehin noch sehr lose Einheitlichkeit der jungen Bewegung. Die verschiedenen Strömungen spalteten sich auch organisatorisch und bildeten schließlich drei Parteien: „Zionisten-Sozialisten", „Sejmisten" und „Poale- Zion". Ihr gemeinsamer Ausgangspunkt ist die Exterritorialität des jüdischen Volkes. Die geographische Zerstreuung ist historische Ursache und in die Augen fallende Erscheinungsform dieses Zustandes. Sein eigentliches Wesen besteht in dem Mangel eines (sich der Weltwirtschaft eingliedernden) jüdischen Wirtschaftsorganismus, dessen wesentlichste Funktionen von Juden ausgeführt würden, wie das bei den normalen Völkern der Fall ist. Vielmehr füllen die Juden seit ihrer Zerstreuung immer bestimmte ökonomische Funktionen im Wirtschaftsorganismus ihrer jeweiligen Wirtsvölker aus, sie leben nach dem Marxschen Wort in den Poren der fremden Gesellschaft — solange, bis diese zur selbständigen Übernahme dieser Funktionen reif wird. Dann beginnt die Verdrängung der Juden in der Form von Austreibungen, ökonomischem Boykott, Massenemigration usw. Im kapitalistischen Zeitalter kommt diese unnormale ökonomische Struktur vor allem in der Zusammendrängung der jüdischen Massen im Kleinhandel und Kleinhandwerk zum Ausdruck. Zwar trägt der Kapitalismus in die einst einheitliche jüdische Masse die Klassenscheidung hinein und ruft die jüdische Arbeiterklasse auf den Plan. Ddch ist diese durch die engen Wände des jüdischen Wirtschaftslebens in ihrer Entwicklung und ihrem Klassenkampf aufs äußerste gehemmt. Sie ist fast ausschließlich in den vom Kleinbetrieb beherrschten und daher zu steigender Bedeutungslosigkeit verurteilten „jüdischen" Konsum- und Bekleidungsgewerben konzentriert und hat zu Großindustrie und Urproduktion fast keinen Zutritt. Dieser enge Arbeitsbereich bedingt für große Teile des deklassierten jüdischen Kleinbürgertums die Unmöglichkeit des Überganges ins Proletariat und ist für dieses selbst eine sehr unzulängliche Kampfbasis um bessere Lebensbedingungen und um das höchste Ziel der Arbeiterklasse, den Sozialismus. Diese wirtschaftliche Not, die durch die politischen Verfolgungen nur verstärkt wird, ist die Grundursache der großen jüdischen Emigration, die in den letzten dreieinhalb Jahrzehnten vor dem Kriege drei Millionen Juden in neue Wohnländer — hauptsächlich nach den Vereinigten Staaten — verpflanzt hat. Bei aller Schmerzhaftigkeit ist diese hervorstechendste Erscheinung der Abnormität des jüdischen Lebens zweifellos ein für die Volksgesamtheit sehr heilsamer Vorgang. Denn nicht nur erleichtert die Auswanderung wenigstens in einem gewissen Maße den wirtschaftlichen Druck für die Zurückgebliebenen, sondern, und das ist die Hauptsache, sie führt im Leben eines wesentlichen Volksteiles — der wandernden Massen selbst — eine große wirtschaftliche Umwälzung herbei. Sie hat im jüdischen New-York und den anderen großen Städten einen ganz neuen Typus jüdischer Massenzentren geschaffen, in welchen im Gegensatz zu den Judenstädten Osteuropas die schaffende Arbeit das Vermittlertum in den Hintergrund gedrängt hat, Massenproduktion an Stelle des Zwergbetriebs getreten ist und die Arbeiterklasse die zahlreichste Schicht der Bevölkerung bildet. Doch sehen die territorialistisch gerichteten jüdischen Sozialisten in der bisherigen Emigration keineswegs das letzte Wort der zur radikalen Lösung des jüdischen Problems notwendigen völligen Umwälzung des jüdischen Lebens. Denn abgesehen davon, daß die Auswanderung bei aller Massenhaftigkeit die Zahl der Juden in den Auswanderungsländern nicht vermindert hat und dort somit die Anormalität in der alten Form fortbestehen^bleibt, kann auch in den neuen Zentren nur von einer relativen Veränderung in der wirtschaftlichen Struktur gesprochen werden. Auch hier sind die Juden in wenigen Zweigen der Wirtschaft konzentriert — hauptsächlich in der Bekleidungsindustrie —, in die Urproduktion und die das Wirtschaftsleben be-

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