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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 2 · p. 118

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 2
Article
Arbeiterbewegung
Date
1920-01-01
Page
118 (sequence 5)
Language
German
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1X8 Umschau: Emigration tionellen Dekoration ging gleichzeitig bei den S.S. vor sich, die sich allmählich auch von ihrem Antiautonomismus befreiten. Und so war die Verschmelzung beider Parteien (die überdies in den letzten Vorkriegsjahren den größten Teil ihrer Anhängerschaft eingebüßt hatten) nach der Märzrevolution von 1917 nur der Abschluß einer natürlichen Entwickelung. Die neue „Vereinigte Jüdische Sozialistische Arbeiterpartei" (kurz Vereinigte) kämpft — so heißt es im Vereinigungsprogramm— „für die nationale Autonomie des jüdischen Volkes, deren Kompetenz umfassen muß: die Aufgaben der nationalen Kultur, Volksbildung, fachtechnische Ausbildung, soziale Fürsorge, Statistik, Regulierung der Auswanderung und Kolonisation und andere Aufgaben, die der Eigenartigkeit des jüdischen Lebens entstammen." Ferner: „Die Vereinigte Partei steht auf dem territorialistischen Standpunkt in bezug auf die Analyse der jüdischen Wirklichkeit und der endgültigen Lösung des jüdischen nationalen Problems. Da jedoch betreffs der Frage der Möglichkeiten und Wege, die zur Realisierung des Territorialismus führen, zwischen den Parteien Meinungsverschiedenheiten bestehen, bleibt diese Frage offen und wird in der Partei frei diskutiert." Tatsächlich beschränkte sich die „territorialistische" Betätigung der neuen Partei auf die schärfste Bekämpfung des Palästinismus. (Eine Darstellung der Poale-Zion-Bewegung, der gesamten jüdischen Arbeiterbewegung in anderen Ländern sowie der neuesten Entwickelung wird folgen.) ßerl L(jcker EMIGRATION Die Wanderungen der breiten Massen des jüdischen Volkes, die in unserer Zeit eine ganz außerordentliche Wichtigkeit gewonnen haben, stellen eines der schwierigsten Probleme des heutigen jüdischen Lebens dar. Dieses Problem mußte auch innerhalb der wissenschaftlichen Literatur sich Beachtung erzwingen. Während die Autoren der allgemeinen Werke über Wanderungen es gewöhnlich nur streifen als einen der zahlreichen Teile des allgemeinen Phäno« mens, das sie behandeln, haben die jüdischen Autoren diesem Froblem eine ganz besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Sie waren von seiner Tragweite und seinen Besonderheiten betroffen: es war ihr Problem. Aber gleich von Anfang an muß gesagt werden, daß eine Erscheinung von einer so grundlegenden Bedeutung für das jüdische Volk, wie es die Emigrat'011 ist, unbestreitbar in ihrem Umfang und ihren Wirkungen eine der größten der gesamten Geschichte unseres Volkes, bis heute nicht ausreichend behandelt worden ist. Bis auf einige Ausnahmen ist die Materie unerforscht geblieben; sie wartet noch auf ihre Historiker, ihre Soziologen, die das schwere und wichtige Problem der jüdischen Wanderung wissenschaftlich erhellen werden. Die Autoren, die über die jüdische Emigration geschrieben haben, sind sehr gering an Zahl: zwei, drei Namen, nur ganz wenige Bücher. Und noch magerer ist das Resultat, wenn man auf die Qualität der Bücher sieht. Nur wenig von dem, was über die heutige jüdische Emigration geschrieben wurde, stellt einen wirklichen wissenschaftlichen Wert dar und kann einer ernsten Kritik standhalten. Ein solches Buch ist zweifellos das Werk von Liebmann Hersch: „Le Juif errant d'aujourd'hui" (Paris 1913, M. Giard & Briere). Trotz mancher Mängel ist es vielleicht das Beste, das bisher über die jüdische Emigration geschrieben wurde. 2. Das Buch ist eine Studie über die jüdische Emigration aus Osteuropa nach den Vereinigten Staaten für einen Zeitraum von zwölf Jahren, vom Jahre 1899 bis zum Jahre 1910, Die Wahl dieses Zeitraumes erklärt sich daraus, daß erst seit dem 1. Juli 1898 in der amerikanischen Einwanderungsstatistik die Einteilung der Einwanderer in ethnographische Gruppen eingeführt worden ist, was die Unterscheidung der Juden von den anderen Einwanderern, die aus denselben Ländern stammen, ermöglicht. Über das erste Problem, den zahlenmäßigen Umfang der jüdischen Wanderung, sind die deutschen Leser aus den Werken Kaplun-Kogans genügend unterrichtet. Es genügt zu sagen, daß die Gesamtsumme der jüdischen Einwanderer während dieser Zeit über eine Million (1074442) beträgt, durchschnittlich also 90000 jährlich. Davon stammen 765000 aus Rußland, 180000 aus Österreich-Ungarn. Die jüdische Einwanderung zeigt große Schwankungen; sie schwillt an mit dem Ansteigen der allgemeinen Wanderung und senkt sich wieder mit dieser. Das bedeutet, daß die Ursachen, die auf die Schwankungen der allgemeinen Wanderung wirken, im großen und ganzen auch die jüdische Wanderung beeinflussen. Neben diesen allgemeinen Ursachen gibt es auch spezielle, die nur auf die jüdische Wanderung wirken, die Verfolgungen, Pogrome usw. Obwohl die jüdische Wanderung in dem genannten Zeitraum iiVe% der Gesamteinwanderung beträgt und damit den zweiten Platz nach der italienischen einnimmt, zeigt sich in ihr dennoch eine Tendenz zum Rückgang. Hersch

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