Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Arbeiterbewegung
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 115 (sequence 2)
- Language
- German
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Umschau: Arbeiterbewegung HS Zionismus „verneinte das Golus", der Bund bejahte ihn bis zur Verneinung des Golusbegriffs, ja der jüdischen Frage überhaupt. Bei seiner Gründung erblickte er den Sinn seines Daseins als jüdische Arbeiterorganisation ausschließlich in dem Bedürfnis der sozialistischen Propaganda in jüdischer Sprache. Die jüdische Frage erschöpfte sich für ihn in dem Kampfe um rechtliche Gleichstellung, Aufhebung. der Rechtsbeschränkungen, insbesondere des Ansiedlungsrayons. Nur langsam entschließt sich der Bund, ein Mindestmaß nationaler Forderungen in sein Programm aufzunehmen. Erst 1906 wird die national-kulturelle Autonomie als das nationale Programm des Bundes für alle Völker Rußlands und auch für die Juden endgültig proklamiert. Diesem Programm ist der Bund bis zuletzt treu geblieben. Er führte einen erbitterten Kampf gegen die jüngeren Richtungen, die es unternahmen, das jüdische Problem mit den Hilfsmitteln marxistischer Erkenntnis als nationales Problem sui generis zu untersuchen und Lösungen vorzuschlagen, die aus dem Rahmen allgemein anerkannter sozialdemokratischer Parteiprogramme herausfielen. Nach der Überwindung der ersten, völlig kosmopolitischen Periode stellte sich der Bund zwar auf den Boden der Tatsache, daß die Juden in Rußland eine Nation sind, und forderte neben den bürgerlichen Rechten auch für sie dieselben Rechte, wie für die anderen nationalen Minderheiten. Von den Besonderheiten der"Lage des jüdischen Volkes wollte er jedoch, nichts wissen. Schon die Tatsache des ausschließlichen Minoritätsdaseins der jüdischen Nation ließ er völlig außer acht. Das Konstruieren von Prognosen über das wahrscheinliche Schicksal der jüdischen Minoritäten für die Zukunft betrachtete er als unnütze Spielerei. Er erklärte sich sowohl gefühlsals auch programmäßig weder für noch gegen die Assimilation. Die national-kulturelle Autonomie sollte bloß die Befriedigung in der Gegenwart vorhandener Bedürfnisse sichern, ohne die Entwicklung der Zukunft vorauszusagen oder gar ihr vorzugreifen. Der Bund betrachtete es nicht als Aufgabe des jüdischen Sozialismus, sich mit der Tatsache der Abnormalität der wirtschaftlichen Struktur der jüdischen Massen auseinanderzusetzen. Sofern er sie nicht überhaupt unbeachtet ließ, erklärte er sie als Ergebnis der Ausnahmegesetzgebung, mit welcher sie auch aufhören werde. Demgemäß leugnete er auch das Vorhandensein eines spezifisch jüdischen Wanderungsproblems. Die Tatsache der Massenauswanderung glaubte er teils als allgemein kapitalistische Erscheinung, teils als Flucht vor den russischen und rumänischen Verfolgungen vollauf erklärt und den einzigen Weg zur Lösung dieses Problems im Kampf gegen Kapitalismus und Zarismus sowie gegen die Einwanderungsbeschränkungen gegeben. Jede weitergehende Konsequenz lehnte er als' Abirrung vom geraden Weg des proletarischen Klassenkampfes ab. Gegen den proletarischen Territorialismus und Zionismus führte er einen entschiedenen Kampf. Wesentlich für die bundistische Ideologie ist noch die negative Stellung zur Idee der Einheit der in verschiedenen Ländern lebenden Teile des jüdischen Volkes, der im Grunde bei allen lokalen Abweichungen und Abstufungen doch vorhandenen Gleichartigkeit ihrer wirtschaftlichen Struktur und einer über die allgemeine Proletariersolidarität hinausgehenden Interessen- und Kampfgemeinschaft der jüdischen Arbeiterklasse aller Länder. Das jüdische Proletariat in den Grenzen Rußlands war für ihn die gegebene Interessen- und Kampfeinheit. Von einer überstaatlichen Organisation des jüdischen Proletariats wollte er nichts wissen und bekämpfte besonders scharf den Gedanken einer alle jüdischen Sozialisten ohne Rücksicht auf die Staatsgrenzen umfassenden jüdischen Sektion in der Internationale. Übrigens wachte der Bund, der auf dem Umwege über die russische Sozialdemokratie in die Internationale gelangt war, eifersüchtig darüber, daß die anderen jüdischen sozialistischen Parteien nicht in die Internationale aufgenommen werden, da er darin eine Gefahr für die von ihm beanspruchte „einzige Vorsteherschaft des jüdischen Proletariats" erblickte. Im allgemeinen hat sich der Bund auch durch den Weltkrieg und die Revolution in keinem wesentlichen Punkte von seiner einmal eingenommenen Stellung abbringen lassen. In der Kerenskischen Zeit hat die Partei vornehmlich dank der vielfachen Personalunion ihrer eigenen Führung mit der der menschewistischen Partei einen ziemlich großen Einfluß ausgeübt und sich ernstlich um die Verwirklichung der national-kulturellen Autonomie und gewisser Sprachenrechte der nichtrussischen Völker in der Verwaltung bemüht. Die Deklaration der Partei im jüdischen Vorparlament in der Ukraine (November 1918) schien sogar eine gewisse Neuorientierung anzukündigen, indem unter Ablehnung besonderer Palästinaforderungen doch internationale Garantien für die volle Gleichberechtigung und die nationale Autonomie in allen Ländern gefordert wurden. Doch haben die weiteren Ereignisse die Entwickelung der Partei in ganz andere Bahnen gedrängt. 8*