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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 2 · p. 114

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 2
Article
Arbeiterbewegung
Date
1920-01-01
Page
114 (sequence 1)
Language
German
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H4 Umschau: Arbeiterbewegung ARBEITERBEWEGUNG Durch den Kapitalismus in seinen spezifischen Erscheinungsformen auf der jüdischen Gasse zur Welt gebracht, spiegelt die jüdische Arbeiterklasse in Leben und Bewegung einerseits die Erscheinungen und Tendenzen des jüdischen Gesamtlebens unter proletarischem Prisma ab, anderseits erscheinen in ihr die proletarischen Kämpfe und Vorgänge in eigenartigen jüdischen Formen. Die mannigfachen Verschiebungen und Neugestaltungen, die Weltkrieg und Revolution in der jüdischen Arbeiterbewegung herbeigeführt haben, sind so als Ergebnis des Zusammenwirkens der tragischen Erschütterungen des jüdischen Lebens und der weltgeschichtlichen Vorgänge in der proletarischen Weltbewegung zu begreifen. In Rußland, wo alle Strömungen der jüdischen Arbeiterbewegung entstanden, und woher die parallelen Strömungen in den anderen Ländern Richtung und immer neue Impulse empfingen, wurde durch den Krieg die nach Überwindung der schlimmsten gegenrevolutionären Tage einsetzende Aufwärtsentwicklung wieder jäh unterbrochen. Der Kriegsdienst Hunderttausender, die furchtbaren Verfolgungen der zarischen Regierung, die Massenvertreibungen aus der Kriegszone im Verein mit dem allgemeinen reaktionären Kurs zerstörten vollends die vorhandenen Ansätze legaler Organisationen und zwangen die wenigen zurückbleibenden Kräfte zu völlig unterirdischer Existenz. Nur in den jüdischen Kriegshilfsgesellschaften und Kulturinstitutionen findet die sozialistische Intelligenz aller Schattierungen ein fruchtbares Betätigungsfeld und versucht hier mit teilweisem Erfolg in stetem Kampfe mit bürgerlich-philantropischer Kurzsichtigkeit und nationalistisch verbrämter Halbassimilation die Ideen der produktiven Selbsthilfe und der Verweltlichung der jüdischen Erziehung und des jüdischen Kulturlebens überhaupt durchzusetzen. Von einem politischen Kampfe konnta jedoch nicht die Rede sein. Die Revolution vom März 1917 änderte die Lage von Grund auf. Das gewaltige politische Erwachen ergriff auch die jüdischen Massen, denen die Revolution endliche und restlose Erlösung aus menschenunwürdiger Rechtlosigkeit als Einzelnen und als Gesamtheit verhieß. Insbesondere die jüdische Arbeiterbewegung erlebte einen wahren Frühling. Wie Pilze aus dem Boden schössen immer neue Organisationen hervor, zu Zehntausenden strömten die Massen in ihre Reihen. Abgefallene und müde Gewordene kamen zurück. Die verschiedenen Parteien hielten in rasch zusammenberufenen Konferenzen Heerschau, überprüften die Parteiprogramme im Lichte der neuen Lage, bestimmten die nächsten Kampfziele und die Taktik. Die weiteren Ereignisse verhinderten naturgemäß auch hier eine normale Entwicklung. Oktober-Umwälzung, Bürgerkrieg, deutsche Okkupation der Ukraine, Pogrome — kurz die ununterbrochene Kette gewaltsamer Erschütterungen des russisch-osteuropäischen Lebens im allgemeinen, des jüdischen im besonderen haben auch die jüdische Arbeiterbewegung dieser Gebiete in einen noch lange nicht abgeschlossenen Prozeß von beständigen inneren Kämpfen, Spaltungen, Neubildungen versetzt, die einen klaren Überblick fast unmöglich machen. Von hier aus überträgt sich die Krise auf die Bewegung in allen anderen Ländern. Doch kehren wir für eine Weile zur März- Revolution zurück. In drei Strömungen verzweigte sich damals die jüdische Arbeiterbewegung in Osteuropa, deren kurze Charakterisierung für das Verständnis alles weiteren notwendig erscheint. Den Trennungsstrich bildeten ebenso wie vor dem Kriege nicht etwa verschiedene Auffassungen in der sozialen Frage. Vielmehr bekannten sich alle Teile zu Marxismus und Sozialdemokratie*), wenn auch die Meinungsverschiedenheiten im russischen revolutionären Lager auf die jüdische Arbeiterbewegung schon damals nicht ohne Einfluß geblieben waren. Diese letztere Tatsache ist für die spätere Entwickelung von entscheidender Bedeutung. Vor der Hand jedoch trennten sich die Richtungen bloß in Anschauungen und Forderungen zur jüdischen Frage. Die stärkste Gruppe bildete noch immer der „Bund" (Allgemeiner Jüdischer Arbeiterbund in Lithauen, Polen und Rußland). Diese Partei entstand im Jahre 1897, dem Geburtsjahre des politischen Zionismus, dessen schärfste Gegnerin sie bis zum heutigen Tage geblieben ist. Ihr historisches Verdienst ist die erstmalige Zusammenfassung großer Massen jüdischer Proletarier,, die sie mit Klassenbewußtsein erfüllte und zum Kampfe um primitive Menschenrechte und ein erträgliches Dasein führte. War der bürgerliche Zionismus jener Tage die Partei der Verzweiflung des jüdischen Kleinbürgertums an der Möglichkeit einer wesentlichen Besserung der Lage der jüdischen Massen in Rußland, so bildete der Bund die Partei der Empörung des zu politischem Leben erwachten primitiven proletarischen Massenmenschen. Der bürgerliche *) Nur die Sej misten standen ideell den russischen Sozialisten-Revolutionären nahe. Das war aber für den Parteikampf von geringem. Belang.

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