Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Krisis der Demokratie?
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 111 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Umschau: Politik 111 der disziplinaren Machtmittel des autoritären Subordinationssystems, um ihren Willen zu verwirklichen, sie kann dieses nackten Zwanges entraten. Ihre wichtigsten Machtmittel sind moralischer Natur. Ihre Vorkämpfer befinden sich damit im Gegensatz zu den Vertretern des neuzeitlichen Sozialmilitarismus und der aktuell renovierten Gewaltideologie, jenen doktrinären Propheten der Klassendiktatur, die radikal und grundsätzlich die Volksgesamtheit und mit der gleich bequemen Unbedenklichkeit auch die unentrinnbar von jedem zu tragende Verantwortlichkeit für diese ablehnen. Sie, die einzigen wahren Repräsentanten des „reinen", des mechanischen Klassen kämpfgedankens, haben keine Schuld, fühlen keine und werden es nie. Sie und ihre Partei- und Klassengenossen sind auserwählt; nicht im jüdischen Sinne zum Leiden und zur Verantwortung für die Gesamtheit, für die Menschheit und für die Untaten aller, sondern im europäischen: aus Rache für früher selbst erlittenes Unrecht neues zu scharfen, z. B. ausschließlich Stimmrecht und ausreichenden Lebensunterhalt zu haben, und damit das mit Recht gestürzte Unrecht sogleich durch neues Unrecht wieder aufzurichten. — *"~ Krisis der Demokratie auch in Amerika. Wie in England das Zweiparteiensystem, wurde hier das Spezifikum der amerikanischen Demokratie, die durch demokratische Wahl verbürgte autoritative Stellung des Präsidenten, fragwürdig. Hier wie besonders noch in den neuentstandenen zentraleuropäischen Republiken hat der Krieg im Endergebnis auch antidemokratisch gewirkt, indem er die Parteiwirtschaft und -korruption begünstigte und förderte. Wieder erweist die grundsätzliche Erkenntnis der idealistischen Geschichtsbetrachtung ihre Richtigkeit und läßt sich, gleich auf die besondere Frage angewendet, dahin ausdrücken: demokratische Institutionen allein machen nicht die Demokratie aus, wenn die Atmosphäre, der Geist fehlt, wie er sich heute fraglos am fortgeschrittensten in der öffentlichkeit des politischesten aller Völker, des englischen, findet. Hier ist die öffentliche Meinung zu einem permanenten höchsten Gerichtshof geworden, der die ungelösten Fragen der Nation endgültig entscheidet und dessen Souveränität keine Klasse und kein Stand anzutasten wagt. In Deutschland beginnt das Problem der Demokratie mit der Niederlage der Regierungskoalition bei den letzten Wahlen erst eigentlich seine wahre Gestalt anzunehmen. Gedankliche Voraussetzung für die ganze Problemstellung ist hier vor allem, daß der demokratische Gedanke nicht mit der Partei identifiziert wird, die mit mehr Unrecht als Recht denselben Namen trägt; schließt diese Partei doch sehr viele geradezu gegensätzliche Elemente, besonders rein liberale, in sich. — Nur gedankenlose Naivität konnte annehmen, daß mit dem Zusammenbruch der Reaktion infolge des Kriegsausganges und mit der Überwindung aller linksradikalen Putsch- und Diktaturversuche das Problem der Demokratie in Deutschland gelöst sei. Da Rechts und Links versagen, muß das Heil in der Mitte liegen; galt dieses einfache Rechenexempel nicht als unanfechtbar richtig? Die Einsicht, daß die Aufgabe nicht durch eine einfache Subtraktion, sondern nur durch eine Methode der höheren politischen Mathematik, durch eine Integration, zu lösen ist und daß diese wesentlichste, schwerste und undankbarste Aufgabe der Demokratie allem Parteiegoismus, aller parteimäßigen Beschränktheit und Mittelmäßigkeit entgegengesetzt ist, diese Einsicht hatten nur ganz vereinzelte und abseits stehende deutsche Politiker und kaum eines der großen Blätter, deren Gesinnung sich nur dem Namen nach von der des vorkriegerischen Liberalismus unterscheidet. Nicht der ephemere Bolschewismus, sondern der große historische Antipode des demokratischen Gedankens, der Liberalismus, ist, wie ich in dieser Zeitschrift schon früher einmal ausgeführt habe, sein Todfeind. Die durch den Wahlaüsfall hervorgerufene offene Krisis des demokratischen Gedankens in Deutschland ist mit der Krise der sogenannten Demokratischen Partei nicht zu verwechseln. Denn die Frage, ob die Demokratie eine für Deutschland mögliche Regierungsform ist, wird durch Bestand und Stärke dieser demokratischen Partei nicht entschieden; dies hieße die Idee der Demokratie und ihre heutige innere Problematik aus der Froschperspektive betrachten. Und das Einzige, was man den ästhetischen Sensationssnobs, „wildgewordenen Literaten" *) und aus dem Häuschen geratenen Bürgern und Arbeitern, die sich alle in den Revolutionsjahren nur mit unsäglicher Verachtung einer so längst überholten Idee erinnerten, zugute halten kann, ist eben diese irrtümliche Identifizierung des zeitlos großen demokratischen Staatsgedankens mit der deutschen Demokratitischen Partei. Das Problem der Demokratie ist für Deutschland ebensosehr eine Frage des Sozialismus wie des Bürgertums und erst jetzt, da durch die letzten Wahlen das schlechte Surrogat 'der demokratischen Integration, das System der Parteienkoalition, in die Brüche gegangen ist, wird die Frage: Demokratie oder Diktatur (bürgerlich - militaristische bzw. proletarischklassenbewußte)? in Deutschland wirklich ge- *) Die Bezeichnung stammt von Max Weber.