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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 2 · p. 108

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Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 2
Article
Ein Vergessener
Date
1920-01-01
Page
108 (sequence 4)
Language
German
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Bemerkungen: Ein Vergessener 108 Werke der Reformatoren gelesen. Aber er las sie nicht mehr als Deutscher mosaischen Glaubens, auch nicht als geborener Christ, sondern jetzt als christgläubiger Jude, und empfand sehr gegen seinen Willen den grimmigen Haß, den die führendenMänner der Religion der Liebe (wie Martin Luther) gegen die Juden gehegt hatten. Wir knüpften daran an, und zugleich gab ich ihm statt negativer Kritik etwas von der flammenden Begeisterung, die vom Zionismus und von dem jungen werdenden jüdischen Palästina ausging, und hatte eines Tages die Freude, daß er sich zu dem Gedanken des Nationaljudentums und zum Zionismus durchrang, freilich ohne sich einstweilen vom Christentum, das er für die Vollendung jüdischer Anschauung in seiner apostolischen Gestalt erachtete, innerlich trennen zu können. Unsere Verbindung wurde dadurch wieder unterbrochen, daß ich noch einmal nach Palästina zurückging. Als ich einige Jahre später zufällig wieder in Berührung mit ihm kam, hatte er mir zu erzählen, daß er nunmehr ganz und gar Zionist sei, aber mit der zionistischen Parteileitung in Köln nicht vom Flecke käme, weil sie ihn als Christen zwar ganz freundlich behandle, ihn aber nicht in ihre Organisation aufnehmen wolle. Im Laufe weiteren Verkehrs habe ich ihm dann gezeigt, daß die zionistische Organisation mit ihrem Standpunkte recht hat. Man könne nicht Nationaljude und zugleich Christ sein. Auch wenn man sogar der Überzeugung sei, daß Jesus der Messias gewesen ist, so könne diese Glaubensanschauung kein Grund dafür sein, der Kirche anzugehören, die mit dem Christentum weder begrifflich noch, sagen wir, „körperlich" identisch sei; Und der Mann, der aus seinen Studien die Kirche als den großen historischen Feind des Judentums und der Juden erkannt hatte und fühlte, begriff, daß man nicht national sein könne, wenn man in Reih und Glied mit dem geschichtlichen Feinde des Volkes stünde. Denn national zu sein, heißt die alte Geschichte des Volkes fortzusetzen,, heißt nicht andere anzugreifen und zu verfolgen, wohl aber das Eigene zu lieben. Nationaljudentum und Übergang zum Christentum oder Verharren darin sind absolute Gegensätze. Im Verfolge dieser Ideen und im weiteren Verlaufe seiner inneren religiösen Entwicklung kam er endlich mit mir zu der Überzeugung, daß es nunmehr an der Zeit sei, offen und ohne Vorbehalt zum Judentum zurückzukehren, dem seit Jahren seine ganze Liebe galt, und dem er durch fleißige Arbeit einigermaßen vergelten wollte, was er in jugendlichem Glaubenseifer an ihm gesündigt hatte. Dabei hatte er nur Anregungen von mir. Nicht mehr. Die eigene innere Entwicklung war es, die ihn weiter trieb. Mit der Reinheit der Seele, die ihn auszeichnete, mit einer Ehrlichkeit, die ihn ehrte, und mit jener tiefen weichen Seele, die echt jüdisch war, gehörte er nunmehr wieder dem Judentum tätig an, und widmete seine Kraft, soweit er das aus der halben Zurückgezogenheit, in der er lebte, vermochte, dem Zionismus. Dr. Morris de Jonge wollte religiöser Zionist sein, und sein schönster Traum, den er noch kurz vor seinem Tode bei mir am Sabbathtische träumte, war, daß wir zusammen an der hebräischen Universität in Jerusalem wirken könnten, — daß er ein echt jüdisches Haus in Jerusalem führen würde. Wenn ich hier einige persönliche Erinnerungen aus den oft nur zufälligen Begegnungen mit Dr. Morris de Jonge mitgeteilt habe, so bin ich mir wohl bewußt, nach keiner Richtung hin eine volle Würdigung des merkwürdigen und zugleich doch reichen Lebens dieses Eigenbrödlers zu geben, der ein volles Herz, eine blühende Phantasie und einen tief religiösen Sinn hatte. Es sollen eben nur persönliche Erinnerungen sein, und andere, die ihm näher standen, veranlassen, auch ihre Erinnerungen niederzuschreiben. Wäre de Jonge in einer andern Zeit und Umgebung groß geworden, so wäre der Verlauf seines Lebens ein ganz anderer gewesen. Die Tragik seines Lebens war es, daß er zu glühender nationaler Liebe und zu tiefer religiöser Innigkeit gebildet war, daß er seine ungeheuer reiche Sprache diesen Idealen hätte widmen müssen, aber aus liberaler Ära und liberaler Abgeblaßtheit hervorgegangen war. In dem Augenblick, wo er mit positivem Judentum in Gestalt des jüdischen Nationalismus zusammentraf, fand er derl Rückweg zu seinem Volke und zu seinem Glauben, die er

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