Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Ein Vergessener
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 109 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Bemerkungen: Ein Vergessener 109 mehr liebte als viele Tausende anderer. Dieser Eine, der reumütig zurückkehrte, war zum wenigsten nicht weniger wert als die Hunderttausende, die äußerlich im Judentum verharren, aber seinen Idealen und seinen Kümmernissen gegenüber kalt bleiben. Er war eine heiße Seele mit echt orientalischer Glut, die den schönen hochgewachsenen Mann noch verschönte. Eine Reihe von judenchristlichen und von jüdischen Schriften sind aus seiner Feder hervorgegangen. In allen lebt neben einer heißen religiösen Glut ein inniger Glaube an die Ewigkeit seines Volkes. Vor allem weist er den farblosen Liberalismus ab, der nichts mehr mit dem hohen Schwünge zu tun hat, aus dem sein kosmopolitischer Vorfahr geboren war. In „Höret Rathenau und Genossen!,( rechnet er mit ihm ab. Auf dem Uganda- Kongreß, dem er als Gast beiwohnte, erkennt er seine Zugehörigkeit zu Palästina, und in „Jerusalem oder Mombassa?" gibt er seine interessanten Beobachtungen, die zum Teil durch die Unkenntnis der vorhandenen Strömungen schief gesehen sind. Mit großem Eifer widmete er sich in den letzten Jahren dem Studium der hebräischen Sprache und schloß sich den Gründern des Jüdischen Schulvereina an. Außerdem hat de Jonge eine ganze Reihe von nichtjüdischen Schriften veröffentlicht. Darunter sind eine Reihe von Dramen, die wohl größtenteils Buchdramen geblieben sind, die aber durchaus nicht übersehen werden sollten. Sie beweisen, daß er doch in erster Linie eine dichterische Natur war und deshalb auch als solche beurteilt werden muß. Hier berührt sich seine Genialität mit dem Abnormen, das doch in seiner Person nicht ganz verschwand, wenn er auch bei aller Wahrung seiner starken Eigenart mehr und mehr das Exzentrische abgelegt hatte, das ihn früher auszeichnete. Drei fünfaktige Dramen hat er dem großen Kaiser der Franzosen, je ein Drama dem Großen Kurfürsten und Julius Cäsar gewidmet. In diesem läßt er die beiden aus den Pirke Aböt bekannten jüdischen Gelehrten Schemaja und Abtalion jüdische Weisheit dem großen Römer künden, der sich vor ihr beugen muß. Das letzte Ideal des kürzlich Verstorbenen war es, nach Jerusalem zu gehen, um an der Bildung der nationalen Heimstätte mitzuwirken. Ihm lag besonders daran, daß auch gerade der echte Geist des Judentums in Anknüpfung an die geschichtliche Vergangenheit und in religiöser Inbrunst zum Ausdruck kommen sollte. Sein Judentum sollte religiöse und nationale Ideale zu einem untrennbaren Einheitlichen wieder verschmelzen. Nun ist er vor der Erfüllung seiner Träume, von denen er hoffte, daß sie in den allernächsten Jahren für ihn in Erfüllung gehen möchten, heimgegangen. Vielleicht findet sich ein Weg, daß wenigstens eine Erinnerung an sein merkwürdig verschlungenes Leben segensreich in Jerusalem, der Stätte seiner Sehnsucht, gepflanzt wird. Das Geeignetste würde es vielleicht sein, wenn seine Bibliothek in die jetzt in Bildung begriffene jüdische Nationalbibliothek übergeführt würde. Das wäre der Weg, auf dem der so schnell Vergessene doch unvergeßlich würde. Zugleich wäre diese Art des Gedenkens im Sinne des Entschlafenen. Heinrich Loewe