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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 2 · p. 107

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 2
Article
Ein Vergessener
Date
1920-01-01
Page
107 (sequence 3)
Language
German
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Bemerkungen: Ein Vergessener 107 wirkte, daß er mit des nächsten Morgens Lichte seinen Weg wieder zur Ausstellung nahm. Immer wiederholten sich diese Aussprachen, die ich mit vollem Bewußtsein und ausgesprochener Absicht auf die nationale Auffassung im jüdischen Volke hinlenkte. Und eines Tages mußte er mir gestehen, er sei Jude, fühle sich jetzt trotz der Taufe als Jude, und sei überzeugt, daß er in dem nationalen Bekenntnis zum Judentum, das er von mir erhalte, die wichtigste Ergänzung zu der christlichen Lehre empfange, der er seit Jahren mit Überzeugung anhänge. Und an einem andern Tag gestand er mir mit einem merkwürdigen Gemisch von Bangigkeit und kräftigem Mannesmute, er sei Dr. Morris de Jonge. Ich war im Bilde. Gegen Dr. de Jonge hatte ich als ganz junger Mann polemisiert. Er war damals zum Christentum übergetreten, und in scharfer Erbitterung gegen die Familie und ihre Freunde, die sich seiner aus religiöser Schwärmerei erfolgenden Taufe widersetzten, war er zum Kampfe gegen die Juden und das Judentum gekommen. Als er eine kurze Zeit in einer geschlossenen Anstalt war, wohin ihn seine Angehörigen in Sorge um sein Gemütsleben gebracht hatten, war er von Antisemiten befreit, die sich einen so fetten Braten nicht entgehen lassen wollten. Voll bitteren Hasses ließ sich seine zitternde Seele von diesen „Befreiern" leiten, und Dr. Christoph de Jonge, wie er sich nunmehr nach seiner Taufe nannte, wurde zum Kronzeugen gegen „das unduldsame Judentum", das sich nicht davor scheue, einen hochbegabten, tief und gründlich gebildeten Mann ins Irrenhaus zu bringen, nur um ihn an dem Bekenntnisse seiner religiösen Überzeugung zu hindern. Er wurde Redakteur an der „Kreuzzeitung". Der Umstand, daß man ihn 50 glänzend gegen die Juden ausnutzen konnte, verbunden mit der scharfen und glänzenden Feder, de Jonge führte, machte ihn eine Zeit Jang zum Paradestück des kirchlich frommen Judenhasses. Nur mit einem hatten seine antisemitischen Schützer nicht gerechnet: mit der Ehrlichkeit und Geradheit dieses Renegaten, der aus wirklicher Überzeugung und religiösem Heißhunger das Christentum gesucht hatte. Sie nutzten ihn gründlich aus. Sie glaubten ein gefügiges willenloses Werkzeug in ihm zu haben. Das war auch anfangs der Fall, als sein Auge noch von dem Hasse gegen die eigene Familie getrübt war. Als er ein wenig ruhiger wurde, sah er zu seinem Schrecken, daß seine antisemitischen Gesinnungsgenossen, und ganz besonders jene Redakteure der „Kreuzzeitung", schnöde Geschäftsleute waren, die die jüdische Unsittlichkeit bekämpften, um einen Freibrief für sich in ganz anderer Weise zu haben, als er es bei Juden gekannt hatte. Er sah in einen Abgrund von Intrigen und Geschäfts-„Idealismus", der den wirklich idealistischen Menschen anekelte. So kam es eines Tages zum Bruche. Und als Dr. de Jonge darüber auch öffentlich Rechenschaft abzulegen sich bemühte, da erklärten seine antisemitischen Freunde, die von ihm bloßgestellt zu werden fürchteten, daß er schließlich doch eben nur verrückt sei. Dieselben, die den „widerrechtlich Eingekerkerten" aus den Händen jüdischer Irrenärzte „befreit" hatten. Jetzt war er ihnen nicht mehr der begabteste Schüler des großen Juristen Rudolf Jhering, sondern nur noch der verrückte Jude. Er lebte dann ganz zurückgezogen. Jahre vergingen. Sie waren Jahre der Schwärmerei und der Unzufriedenheit. Dann kam er mit mir in zufällige Berührung, und aus dem Gedankenaustausch erwuchs allmählich bei ihm eine Revision seiner christlichen Glaubensanschauungen ebenso wie vor allem seiner Auffassung von seiner Zugehörigkeit zum jüdischen Stamme. Der nationale jüdische Gedanke, den ich ihm langsam aber systematisch nahegebracht hatte, bemächtigte sich seiner, und er kam zu dem Resultat, christgläubiger Jude zu sein. Wiederum verging eine Zeit der Schwärmerei, die diesmal mit Selbstkritik gepaart war. Als ich einige Jahre später nach längerem Aufenthalte in Palästina wieder in Deutschland war und wieder mit ihm in Berührung kam, bemerkte ich, daß seine,Entwicklung in diesem Sinne nicht stille gestanden hatte. Er hatte inzwischen mit christlichem Glaubenseifer sich in die christlichen religiösen Schriften vertieft und besonders auch die

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