Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Ein Vergessener
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 106 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Bemgrkungen: Ein Vergessener 106 nicht dagewesen. Von einem solchen Manne will ich heute ein paar Worte schreiben. Er ist vor kurzem dahingegangen, und vergeblich wartete ich darauf, daß Freund oder Feind ihm in einer jüdischen oder auch in einer antisemitischen Zeitung ein Wort des Gedenkens in gutem oder bösem Sinne gewidmet hätte. Nichts von alledem! Außer dem Zeitungsinserate, aus dem ich ersah, daß er hingegangen ist, von wo es keine Rückkehr mehr gibt, habe ich nirgends gesehen, daß man von seinem Tode Notiz genommen hätte. Und doch hätte er es verdient, daß man seiner gedacht hätte, meinetwegen in abweisendem Sinne, meinethalben ablehnend und feindlich. Aber daß ein Mann, der einmal in der jüdischen und in der antisemitischen Öffentlichkeit gestanden hat, um dessen Persönlichkeit sich ein Kapitel der gehässigsten Judenhetze wie eine Schlingpflanze herumrankt, so ganz vergessen wurde, das kann einem leid tun. Es zeigt, wie schnell man aus dem Gedächtnisse der Menschen verschwindet, wenn man sich nicht bemüht, die Erinnerung wach zu halten. Wie ich mit ihm bekannt wurde? — Es ist jetzt dreiundzwanzig Jahre her, da wurde auf Veranlassung von Willi Bambus, Hirsch Hildesheimer, Heinrich Meyer Cohn und mir auf der internatiQnalen GeWerbeausstellung in Berlin, innerhalb der orientalischen Stadt Kairo, eine kleine jüdische Palästina-Ausstellung veranstaltet, deren Leitung mir zufiel. Es war das Jahr, in dem Herzls „Judenstaat" erschien. Aber diese Ausstellung war noch nicht von ihm veranlaßt. Willi Bambus und ich hatten ein Jahr früher als „Zionisten" Palästina besucht und dabei die Ausstellung vorbereitet Sie wurde gewissermaßen der Auftakt zu dem ersten Zionistenkongreß in Basel, der ein Jahr später stattfand. War sie doch in Deutschland die erste große öffentliche Agitattonstat für die zionistischen Ideen und für das Palästinawerk. Während einem Kolonisten aus Palästina, dem in weiten Kreisen wohlbekannten Herrn Mosche David Schoub aus Rosch-Pinnah, die technische Leitung der Ausstellung zufiel, hatte ich mir u. a. auch die Aufgabe gestellt, unter den durch die Ausstellung Schlendernden solche Leute ins Gespräch zu ziehen, von denen wir erwarten durften, daß sie vielleicht für die Kolonisation Palästinas und für die ihr zugrunde liegende nationaljüdische Gedankenwelt Verständnis und Interesse haben könnten. Da kamen Gelehrte und Großindustrielle, Prinzen und Oberrabbiner, russisch-jüdischeBadereisende und antisemitische Großagrarier, die sich gern in ein Gespräch ziehen ließen, zuerst sich von mir über arabische und hebräische Sprachen, palästinische Altertümer oder dergleichen belehren ließen und schließlich, ohne es zu merken, im Gespräch dahin geführt wurden, wohin ich sie haben wollte. Jeden Tag andere Menschen, jeden Tag andere Gesichtspunkte, und doqh alle Male das nämliche Ziel und oft der gleiche Erfolg. Eines Tages kam ein hochgewachsener Herr mit glänzenden dunklen Augen, die in unruhigem Feuer flackerten, in die Ausstellung, und bald war er mit mir in eifriger Diskussion begriffen. Er war voll von religiöser Inbrunst, von einer nahezu krankhaften Gläubigkeit. Alles was Jerusalem und das Heilige Land betraf, interessierte ihn. War es doch die Heimat der ersten Christen und der geschichtliche Boden, auf dem das Evangelium von Jesus und den Aposteln gelebt worden war. Es traf sich gut, daß ich zufällig bis zu meinem Abiturientenexamen christlichen Religionsunterricht gehabt hatte, so daß ich ihm auf das Gebiet christlicher Glaubensvorstellungen, der Kirchengeschichte und seiner apostolischen Anschauungen wohl zu folgen vermochte, ohne zu fürchten, daß ich in der Diskussion die Segel streichen müßte. Mit einem wahren Heißhunger nach Wahrheit und zugleich in der festen Überzeugung, daß er sie von jüdischer Seite am allerwenigsten zu erwarten habe, debattierte er mit mir über die Erfüllung der alttestamentlichen Weissagungen in der Person Jesu. Ich wußte ihn von der rein religiösen Diskussion, .ohne' sie zu scheuen, ein wenig wegzuführen, um ihm zu zeigen, daß Jesu Person und das Leben der ersten Apostel das Judentum und vor allem das jüdische Volk voraussetzten. Als er am Abend bei Schluß der Ausstellung schied, war er in höchster innerlicher Unruhe, die es be-