Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1920-01-01 · Heft 2 · p. 97

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 2
Article
Probleme der Kunsterziehung in Palästina
Date
1920-01-01
Page
97 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3101111-3101163-3101166-3105247--3893-3105300
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Probleme der Kunsterziehung in Palästina 97 selbst zu fühlen meint, wäre entweder ungerechtfertigte Verallgemeinerung eines individuellen Sonderfalles oder mehr oder minder willkürliche geschichtspsychologische Konstruktion von recht zweifelhaftem Erkenntnis wert. Dementsprechend müssen auch die Mittel künstlerischer Volksbildung eingestellt werden. Auf keinen Fall darf irgendwie einer vermuteten oder gewünschten Tendenz schon durch die Auswahl der Bildungsmittel vorgegriffen werden. Das künstlerische Anschauungsmaterial als solches darf nicht irgendwie sub specie einer vorgefaßten Meinung ausgewählt werden, sondern muß neutral und in ethnisch-historischer Beziehung möglichst vollständig und gleichwertig sein. Akzentsetzungen und Gefühlsbetonungen müssen abgelehnt werden. Über die Form, in der dieses Material dem Volke nahegebracht werden kann, läßt sich Bestimmtes erst sagen, wenn wir von der staatlichen und bevölkerungspolitischen Entwicklung Palästinas mehr wissen, als es heute der Fall sein kann. Nur so viel kann wohl jetzt schon behauptet werden, daß der europäische Begriff des Museums zurücktreten wird gegenüber den andern Bildungsfaktoren. Das Museum, selbst in seiner reformierten Prägung amerikanischen Ursprungs bleibt immer ein Notbehelf. Die Ansammlung und Häufung von Kunstwerken, die ursprünglich jedes für sich bestimmt waren, als einzelne zu wirken, bedeutet doch nun einmal eine Abtötung wesentlicher künstlerischer Wirkungsmöglichkeiten. Abgesehen von diesem generellen Einwand, der den Museen jedes Landes gegenüber erhoben werden kann, ist aber noch ein andrer zu erheben. Fruchtbar kann nämlich ein Museum nur in einer Situation wirken, wo das gesamte geistige Leben stark zentralisiert ist, also in den Hauptstädten eines Landes, die die Provinz und das flache Land geistig entschieden überragen, und von ihr in geistiger Beziehung wesensverschieden sind. Soweit man aber heute urteilen kann, wird in Palästina dies nicht der Fall sein, sondern die über das ganze Land gleichmäßig verteilten Siedlungen werden vermutlich auch alle selbst Stätten geistiger Arbeit sein. So wird Jerusalem trotz seiner Universität und Haifa trotz' seiner technischen Hochschule nicht die überragende und hoffentlich nicht jene monopolisierende Stellung einnehmen, wie etwa Paris in Frankreich oder Berlin, München und einige andere Städte in Deutschland. Selbstverständlich sind trotz aller dieser Einwände zwei Institute als Kernpunkte staatlicher Bildungsarbeit unbedingt notwendig. Das ist einmal ein Museum, das den Verlauf der allgemeinen Kunstgeschichte aller Zeiten und Völker einigermaßen repräsentativ veranschaulicht. Es kann entstehen durch Stiftungen und Käufe, und da selbstverständlich eine Sammlung wertvoller und typischer Originale zunächst bei beschränkten Finanzmitteln nicht aufzubringen sein wird, wäre es auch denkbar, stellenweise sich mit guten Kopien nach den Meisterwerken europäischer und amerikanischer Galerien provisorisch zu helfen. Nach dieser Methode haben die Hauptstädte süd- Heft 2. 7

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.