Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Probleme der Kunsterziehung in Palästina
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 96 (sequence 4)
- Language
- German
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96 Paul Zucker: lieh wird in den nächsten Jahren, vielleicht sogar Jahrzehnten, auf diese Weise von einer Uniformität des Schaffens keine Rede sein könne. Deutsche, russische, französische oder amerikanische Einflüsse werden je nacTi der Provenienz des Künstlers sich bemerkbar machen, persönliche Eigenarten stärker hervortreten. Und doch ist dies der einzig mögliche Weg. Denn ein neuer Stil ist noch nie entstanden aus dem bewußten Willen einzelner, sondern aus einer soziologisch und psychologisch überaus differenzierten Wechselwirkung zwischen Künstler und Volk, zwischen Produzierenden und Konsumierenden. Vorläufig aber wäre für palästinensische Künstler ein volkhaftes Echo in dieser^ Sinne gar nicht vorhanden; denn von einer Massenwirkung in diesem Sinne kann erst dann gesprochen werden, wenn diese Masse überhaupt irgendeine Stellung zu ästhetischen Fragen einnimmt. Und das kann bei der inhomogenen Masse der Palästina-Emigranten natürlich nicht der Fall sein. Also hat — und das ist die erste positive Folgerung, die wir aus den bisherigen, vorwiegend negativen Feststellungen ziehen können — jede Arbeit mit der Tendenz auf eine national bestimmte formal-stilistische Kultur hier einzusetzen mit der Erziehung der Rezeptiven, nicht mit der gewaltsamen Typisierung der Produktiven. Diese Erziehung der Rezeptiven, der Kunstkonsumenten in breiter Masse kann nun auf mannigfache Art und Weise geschehen. Das Volksbildungswesen der europäischen Länder und der Vereinigten Staaten ist in der Methodik der Kunstpädagogik weit vorgeschritten und hat auch recht dankenswerte Resultate zustande gebracht. Doch dürfen wir nicht kritiklos diese zivilisatorischen Methoden übernehmen; denn die Aufgaben, vor die wir gestellt werden, sind nun einmal andere. Abgesehen von der schon erwähnten sozialen und sogar ethnischen Inhomogenität der zu bildenden Massen bleibt auch zu berücksichtigen, daß es sich um Asien, den „Orient", nicht um Europa handelt. So wird die europäisch-humanistische Form der Zivilisation, die auch in künstlerischen Fragen nur allzu leicht Wissen vor Anschauung stellt und demgemäß auch in der Kunstpädagogik mehr auf die Vermittlung von Wissensstoff als auf die Erziehung zu einer Anschauungsform Wert legt, gründlich modifiziert werden müssen. Für uns kommt es vor allem darauf an, eine Erziehung zum Sehen zu geben und der beim Juden besonders großen Gefahr einer rein begrifflichen Erfassung der Umwelt zu begegnen. Damit ist nicht eine faktisch unmögliche Rückbildung einer historisch gewordenen Intellektualität ins Naive gemeint, sondern nur ein Aufschließen, ein Anbohren vorhandener Quellen, ein Hervorholen brachliegender Kräfte sinnlicher Anschauung. Daß die Anschauungsform des Juden, seine Art7 der Natur und den Werken der bildenden Kunst gegenüberzutreten, verschieden sein wird von romanischer und germanischer Art, davon sind wir überzeugt. Jetzt aber schon festlegen zu wollen, in welcher Richtung diese Verschiedenheit liegen wird, bliebe unmöglich. Alles, was darüber vermutet werden kann, oder was man