Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Probleme der Kunsterziehung in Palästina
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 94 (sequence 2)
- Language
- German
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94 Paul Zucker: schränkt, sondern sich auch auf Plastik und Architektur erstreckt. Warum der Anteil der Juden an der Malerei ein stärkerer ist und auch sein muß, wäre ein andermal ausführlich zu begründen. Nun könnte man vielleicht einwenden, und es ist auch in der Tat dieser Einwand oft erhoben worden, daß das starke Hervortreten der Juden auf dem stilgeschichtlich enger zu umgrenzenden Gebiet des Impressionismus etwas Natürliches ist. Denn gerade die deduktiv-analytische Art des impressionistischen Kunstschaffens, das Zerlegen der Erscheinung in einzelne optische Werte, der Verzicht auf eine baumeisterlich tektonische Komposition lägen der ein für allemal mit dem Schlagwort von der ,,analytischen Zersetzung" gekennzeichneten jüdischen Geistesartung besonders. Selbst wenn man diese oberflächliche und einseitige Charakterisierung, die z. B. das Wesen des Prophetentums — einer doch gewiß jüdischen Erscheinung — außer Acht läßt, anerkennen wollte, bleibt noch immer das Gegenargument einer Erscheinung wie Marees, die doch den Typus künstlerischer Synthese darstellt, und vor allem die überaus zahlreichen jüdischen Maler derjenigen Generation, die auf den Impressionismus folgte und ihre Werke in einem ganz entgegengesetzten Stilwillen, dem Bestreben nach straffster architektonischer Fügung, aufbaute. Auch hier seien nur einige Namen wie Pechstein, Picasso, Chagall erwähnt. Doch bedarf es ernsthaft einer derartigen Apologetik durchaus nicht. Einer Apologetik, die sich überdies nur auf einen winzigen Ausschnitt einer dreitausendjährigen Geschichte stützt, einen Ausschnitt, der gekennzeichnet wird gerade durch das Durchdringen und die Verschmelzung der ureigentlich jüdischen Tendenzen mit einer europäisch-assimilatorischen Kulturatmosphäre. Die kurze Erwähnung soll nicht mehr als eine Entgegnung sein auf das vielverbreitete Schlagwort von dem mangelnden Organ des Semiten für das „optische Erlebnis'* überhaupt. Mit der gleichen Berechtigung könnte man die Geschichte der syrisch-palästinensischen Synagogenbauten vom 5. bis 1. vorchristlichen Jahrhundert heranziehen, deren Ruinen gerade vor dem Kriege ausgegraben und wissenschaftlich bearbeitet wurden, wobei sich eine durchaus eigenartige Struktur künstlerischen Formwillens ergab, oder ein anderes Teilgebiet jüdischer Geschichte. Jedenfalls ergibt sich, daß auch bei allervorsichtigster Bewertung dieser einzelnen Tatsachen keineswegs eine prinzipiell negative Einstellung des Juden zur bildenden Kunst vorhanden ist, weder im Schöpferischen noch im Rezeptiven. Künstlerische Volkserziehung braucht also hier grundsätzlich keine andern Wege zu gehen als Angehörigen andrer Rassen gegenüber. Zwar sind überhaupt die Möglichkeiten einer Erziehung zur Kunst begrenzt. Ebensowenig . wie eine jüdische Kultur zehn Jahre nach dem Beginn der Besiedlung Palästinas als eine Schöpfung der Retorte unter dem Hochdruck nationaler Begeisterung entstehen kann, ebensowenig ist in absehbarer Zeit etwa in formaler Hinsicht ein jüdisch-nationaler Stil" zu erwarten. Künstliche Forcierung