Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die Wirkung des Kompromisses
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 91 (sequence 7)
- Language
- German
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Die Wirkung des Kompromisses 91 politischen Neutralität, und damit, wie wir schon gesehen haben, zu einem Widerspruch gegen die leidenschaftliche Hingabe an den Staat und seine Aufgaben, die andererseits als geistige Grundlage in Anspruch genommen wird. Sie führt sogar zu einer Instinktverlassenheit, wie sie auch von diesem Abwehrstandpunkt aus nicht möglich sein sollte: man wagte nicht einmal gegenüber einer Erscheinung wie der Vaterlandspartei, deren Haltung zum Judentum doch jedem einigermaßen empfindlichen Gefühl klar sein mußte, entschieden Stellung zu nehmen. Man erkennt, daß zahllose jüdische Fragen vom Standpunkt irgendeiner deutsch-politischen Partei aus nicht richtig behandelt werden können, man rechtfertigt damit die parteipolitische Neutralität, und bestreitet doch die Notwendigkeit oder Möglichkeit einer eigenen jüdisehe Politik. Man kann sich nicht entschließen, für den jüdischen Kandidaten einer bestimmten Partei einzutreten, weil man den Angehörigen anderer Parteien nicht beeinflussen will, denn wenn man Treue zur eigenen Organisation, zum Vaterlande, zur Religion verlange, müsse man auch die Treue zur Partei respektieren. So entstehen peinliche Konflikte verschiedener Treuen für die Juden, denen der jüdische Schwerpunkt und damit die Sicherheit einer entschiedenen Richtung fehlt Wir haben uns bemüht, die Anschauungen festzustellen und zu werten, zu denen sich die Mehrheit des deutschen Judentums heute bekennt Das unbefriedigende Ergebnis, das sich uns überall gezeigt hat, könnte bestätigt werden durch eine Darstellung seiner Arbeitsmethode. Indessen sind diese Dinge bekannt genug. Es genügt die Erinnerung, daran, daß sich überall ein kleinlicher, am Einzelnen und Unwesentlichen klebender Geist zeigt Große Ziele, Aufgaben, die den ganzen Menschen verlangen, sind nirgends zu sehen, man will sich nicht durchsetzen, sondern man findet sich ab, devote Rücksichten zeigen sich noch in den bescheidenen Grenzen, in denen um eigene Geltung gestritten wird. Im Kampf gegen die Judenfeindschaft sucht man niemals auf die Grundlagen einzugehen und nach ihnen seine Stellung einzurichten — die jüdische Besonderheit, auf die auch die Abwehr zurückgeführt werden müJQjte, darf ja nicht sehr hervorgehoben werden —, man bemüht sich, einzelne oberflächliche Argumente oberflächlich zu widerlegen. Gegen Treitschke und Eduard v. Hartmann glaubt man mit dem Hinweis auskommen zu können, daß Deutschtum und Christentum nicht gleichzusetzen und die Lehre vom christlichen Staat abzulehnen sei. Man wendet seinen ganzen Eifer an die Berichtigung von Zeitungsartikeln und an die Arbeit für einzelne Prozesse, läßt Material prüfen, Fälle begutachten, Eingaben und Anträge herstellen. Man kämpft auf Leben und Tod für die Stellung der jüdischen Notare, und was dergleichen große Gegenstände mehr sind. Das sind Arbeiten, die ganz gut und nützlich sein können, wenn sie mit der nötigen Delikatesse und dem erforderlichen Distanzgefühl behandelt werden. Aber sie werden dadurch minderwertig und gefährlich, daß sie den ganzen Menschen erfüllen sollen, daß man glaubt, mit solchen Lappalien der Judenfrage mit ihrem