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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 2 · p. 90

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 2
Article
Die Wirkung des Kompromisses
Date
1920-01-01
Page
90 (sequence 6)
Language
German
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90 Moritz Bileski: tum einen Wert bildet, bekämpft man, weil sie das Judentum degradierten, es zu einem Wald- und Wiesenvolk machten und die höhere (nämlich antinationale) Auffassung vom Judentum auf das Volksniveau herabdrückten. So diskreditiert die Stellung zum jüdischen Nationalismus die Anschauungen, die man im Verhältnis zum Deutschtum eifrig anwendet. Die Anerkennung des Nationalismus als Idee, die Überwindung des Aufklärungszeitalters ist vergessen, wenn man zum Judentum kommt. Da ist man immer noch der Kosmopolit, dem Toleranz die Grundlage, Weltbürgertum das Ziel und Volkstum nur eine lästige Schranke menschlichen Zusammenlebens ist. Dieselben Menschen zeigen also, ganz nach Bedarf, zwei ganz verschiedene Grundanschauungen. Von einer Geschlossenheit der Persönlichkeit, von einer einheitlichen Quelle der Meinungen ist nichts zu spüren. Die Unsicherheit und Zwiespältigkeif, auch ein typisches Zeichen der Assimilation, zeigt sich überall. Die innerliche Unhaltbarkeit dieses deutschen Nationalismus ist sogar im Bewußtsein seiner jüdischen Anhänger festzustellen. Überraschenderweise besteht nämlich, trotz der begeisterten Anerkennung des Deutschtums, trotz der restlosen Hingabe an die deutsche Nation doch das Bedürfnis, Deutschtum und Judentum in Einklang miteinander zu bringen, und so ergibt sich die für Deutschnationale, deren jüdisches Stammestum nur ein Unterfall des deutschen Volkstums ist, gewiß merkwürdige Forderung nach einer Synthese zwischen Deutschtum und Judentum, die doch überflüssig sein müßte, wenn die behauptete Einheitlichkeit des deutschen Nationalismus bestände. Sie wird hoch gepriesen, ohne Rücksicht auf die Frage, ob die Mischung — wenn man vom jüdischen Standpunkt ganz absieht — denn den Deutschen recht ist. Die Sorge, daß hier ein Zwitterding ohne Lebensfähigkeit und Zukunftsmöglichkeit entstehen könnte, besteht nicht. Die Mischung wird vielmehr einen Typus höheren Menschentums ergeben, wobei also vergessen wird, daß man so das reine Deutschtum als niedrigere Stufe ansieht. Die Vorzüge dieses Typus werden besonders gegenüber dem reindeutschen Antisemitentum hervorgehoben. Diesem gibt man sogar zu verstehen, daß es im Interesse der Menschlichkeit und Kultur mehr Veranlassung habe, sich dem jüdischen Deutschtum zu assimilieren als umgekehrt. Man tut also alles, um sich gegenüber dem anderen Partner ins rechte Licht zu setzen, und vergißt dabei alle Errungenschaften von Distanzgefühl und Selbstachtung, die man angeblich vor dem unverfälschten, auch zur Abwehr zu feigen Assimilantentum voraus hat. Auch hier zeigt sich wieder das uns schon bekannte Bild, daß der eine Gedanke mit dem andern nicht zusammen stimmt, und daß dieses Mißverhältnis zugleich assimilantische Charakterzüge zum Ausdruck bringt. Diese überall auftretende, die ganze Geistesrichtung bezeichnende, hilflose Unzulänglichkeit muß natürlich allen Einzelfragen gegenüber immer wieder versagen. Die Beispiele lassen sich häufen. Das Bemühen, im deutschpolitischen Leben nicht anzustoßen, zwingt zur Proklamierung der partei-

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