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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 2 · p. 92

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Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 2
Article
Die Wirkung des Kompromisses
Date
1920-01-01
Page
92 (sequence 8)
Language
German
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92 Moritz Bileski: Die Wirkung des Kompromisses ganzen Gewicht gerecht zu werden, das sie für die Gesamtheit und den Einzelnen besitzt. Und welche Bescheidenheit zeigt sich in dieser Arbeit! Man appelliert an den guten Willen der Behörden und hofft, daß sie sich der besseren Einsicht nicht verschließen werden. Gleichzeitig aber rechnet man auf die Wirkung durch parlamentarische Betätigung, weil in ihnen die Behörden Rede stehen müßten und nicht mit allgemeinen Formeln ihre Handlungen der Kontrolle entziehen könnten. Fuchs spricht einmal die Hoffnung aus, daß die Gleichberechtigung genau so erkämpft werden könne, wie sich in Differenzprozessen, Mietprozessen, Anfechtungsprozessen allmählich eine richtige Rechtsprechung durchgesetzt habe. Die Maßstäbe, mit denen Fuchs und seine Anhänger an die Judenfrage herangehen, werden genügend charakterisiert, wenn der Gegenstand, der als ihr Kernproblem behandelt wird, so mit einigen ganz interessanten zivilrechtlichen Einzelfragen verglichen wird. Die Entwicklung, die sich in den Anschauungen des deutschen Juden vollzogen hat, kann zu einer veränderten Bewertung nicht führen. Die neueren Anschauungen dieses „selbstbewußten Judentums" sind genau so widerspruchsvoll und innerlich unecht, genau so mit dem Geist der Assimilation verbunden, wie die Ansichten, die in den Anfängen des Zentralvereins maßgebend gewesen sind. Das kann auch nicht anders sein, denn der bestimmende Zug in der Haltung zu jüdischen Fragen ist gleich geblieben: die jüdischen Voraussetzungen werden nicht vorurteilslos geprüft und aus ihnen die notwendigen Folgerungen gezogen, sondern außerhalb liegende Ziele sind die Richtungspunkte, denen jede Erkenntnis angepaßt und nutzbar gemacht werden muß. So wie der Wunsch, sich die Stellung im deutschen Staat und die Verbindung mit dem Deutschtum nicht verkümmern zu lassen, und nicht das Bewußtsein eines eigenen jüdischen Wertes die Ursache des Kampfes gegen den Antisemitismus ist, so sind die Anschauungen, die man \s Steigerung positiv jüdischer Empfindungen ansehen könnte, die Entwicklung zum Stammestum und alles, was dahin gehört, nicht aus sich selbst entstanden, sondern von Rücksichten, von außerhalb liegenden Notwendigkeiten beeinflußt. Sie sind Schutzmittel gegen den Zionismus, Verstärkungen der deutschen Stellung, die auch gegen die ohnmächtigen nationaljüdischen Angriffe gesichert werden soll. Fuchs selbst gibt es einmal ausdrücklich zu, wenn er sagt, daß man das positive Programm im Kampfe gegen die jüdischen Gegner des Zentralvereins, die Zionisten, brauche. Diese Art Deutschtum besteht darin, jede Sache um einer andern willen zu tun. Halbheit und Lauheit der Gesinnung, Ziel- und Hilflosigkeit der Handlungen, ein korrumpiertes Judentum und ein korrumpiertes Deutschtum ist heute wie früher von einem Verfahren nicht zu trennen, das jüdisches Leben nach außerjüdischen Gesichtspunkten leiten will. Aus dieser Zwiespältigkeit und Unnatürlichkeit kann nichts Ganzes und Lebendiges entstehen. Die Anhänger dieser Anschauungen sind ausgeschlossen aus dem Kreise, der berufen ist, die Zukunft des Judentums aufzubauen.

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