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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 2 · p. 88

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 2
Article
Die Wirkung des Kompromisses
Date
1920-01-01
Page
88 (sequence 4)
Language
German
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88 Moritz Bileski: sehen Nation sicherzustellen, wird noch deutlicher, wenn man die Stellung des im Zentralverein verkörperten deutschen Judentums zum Zionismus betrachtet. Auch hier hat sich eine Entwicklung vollzogen. Zunächst lehnten die führenden Kreise den Zionismus für sich persönlich ab, aber sie betonten doch, daß auch Zionisten an den Abwehrbestrebungen des Zentralvereins teilnehmen müßten und deswegen in seinen iCreis gehörten. Diese Auffassung hat sich entschieden geändert. Mit dem Erstarken der zionistischen Bewegung fühlte man die Verpflichtung, sein Deutschtum mehr zu betonen. Denn offenbar wird die unbedingte Zugehörigkeit zum deutschen Volk, deren Sieherung, wie wir gesehen haben, höchstes Ziel aller Bestrebungen ist, durch die wachsende zionistische Bewegung gefährdet. Deswegen kommt man dazu, die jüdische Nationalbewegung als schädlich für die Gesamtinteressen zu empfinden.' Es wird jetzt der bemerkenswerte Entschluß gefaßt, die Mitgliedschaft zum Zentralverein vom Bekenntnis zur deutschen Nation abhängig zu machen, womit man sich in einen bewußten und entschiedenen Gegensatz zum Zionismus stellt. Es wäre also falsch, irgend eine Annäherung der Gruppen feststellen zu wollen — auch der Stammesgedanke hat keinerlei Bedeutung in diesem Sinne. Im Gegenteil hat sich die Bereitschaft zu gemeinsamer Abwehrarbeit zum ausgesprochenen Antinationalismus (in jüdischem Sinne) gewandelt. Die Verdichtung des deutschen Nationalgefühls äußert sich selbstverständlich in immer stärkeren Betonungen der deutschen Nationalität, die man schon aus Reaktion auf das Nationaljudentum summiert. Man wendet sich immer mehr von allgemein-menschheitlichen Vorstellungen, die man früher für deutsche und jüdische Fragen in erster Linie heranzog, zu deutschnationalen Anschauungen. Die ursprünglich-liberale, kosmopolitische Art des Denkens und Fühlens ist kaum noch zu merken. Die Stellung zum Kriege ist bereits erwähnt worden, aber auch bei allen anderen politischen Fragen gibt es keinen selbständigen Einfluß einer universalistischen Stimmung mehr, das deutschnationale, ins Imperialistische vergröberte Vorgehen wird entweder mitgemacht oder findet doch keinen ernsthaften, auf anderen selbständigen Kräften beruhenden Widerstand. Damit wird also die früher herrschende rationalistische Grundanschauung verlassen, das 19. Jahrhundert besiegt den Geist des 18. Jahrhunderts auch bei den deutschen Juden, seinen eifrigsten Verfechtern. Auch sie geben jetzt zu, daß die Vernunft allein das Wesen des Menschen nicht erklären könne und es deswegen nicht möglich sei, den einen ohne viel Mühe dem anderen zu vergleichen und vom Einzelnen ins Allgemeinste aufzusteigen. Auch sie erkennen die geheimnisvollen Triebkräfte im Leben der menschlichen Gemeinschaften und dem durch sie bestimmten Leben des Einzelnen an, die das Zeitalter der Aufklärung übersah. Denn das bedeutet die Anerkennung der Idee des Nationalismus. Das müßte sie auch für den deutschen Juden bedeuten. Aber der Wert dieser wichtigsten Entdeckung, deren Sinn in der Erkenntnis und der Förderung des eigenen Wesens liegt, ist

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