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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 2 · p. 86

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 2
Article
Die Wirkung des Kompromisses
Date
1920-01-01
Page
86 (sequence 2)
Language
German
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86 Moritz Bileski: ist, wie seit langem im deutschen Judentum, eine apologetische, nach außen blickende Absicht Grund und Ziel der geäußerten Meinung. Eine nähere Betrachtung zeigt noch deutlicher, wie widerspruchsvoll und unecht auch diese Anschauung ist, die sicherlich von vielen deutschen Juden als willkommene Lösung des lästigen Zwiespaltes zwischen Deutschtum und Judentum und als Zeichen einer entwickelten Auffassung begrüßt wird. Fuchs sucht das jüdische Stammestum damit zu rechtfertigen und mit dem deutschen Nationalbewußtsein in Einklang zu bringen, daß auch sonst im deutschen Volk Verschiedenheiten und Gruppenzusammenhänge beständen, die einzelne Volksteile besonders charakterisierten und die Zugehörigkeit zum deutschen Volk nicht in Frage stellten. Hierbei zeigt sich eine wichtige Tatsache: Fuchs verquickt seine Beispiele immer mit soziologischen Zusammenhängen, die mit dem Stammesbegriff nichts zu tun haben. Oder will er im Ernst den Stamm der deutschen Anwälte oder der Berliner Proletarier schaffen, nur um den jüdischen Zusammenhang in ähnlicher Weise ohne Schädigung des Deutschtums erklären zu können? Fuchs übersieht, wie hier besonders deutlich wird, daß ein Stamm — wenn man von der hier nicht in Frage kommenden Bezeichnung für die historische Vorstufe einer Nation absieht — nur einen Unterteil der soziologischen Gruppe Nation bildet. Die Eigentümlichkeiten, die den Stamm charakterisieren, sind Spielarten, Färbungen der nationalen Elemente, sie werden immer vom Begriff der übergeordneten nationalen Einheit gedeckt. Merkmale, die außerhalb des Nationalen liegen, können niemals zur Bildung eines Stammes führen. Deshalb ist es unmöglich — und das ist der offenkundige Grundfehler des neuen deutsch-jüdischen Stammesgedankens — die Stammeseigentümlichkeit in einer eigenen, der Nation, zu der man gehören will, ganz fremden Geschichte und in einem eigenen Wesen zu finden, das sich außerhalb der Nation gebildet hat, dererf Stamm man sein will. Man kann nicht Stamm einer Nation sein (und sich noch dazu als solcher erhalten wollen!), wenn man seine Besonderheit in fremdnationalen Elementen findet. Nur dieser offenkundige Widerspruch im Stammesgedanken führt zu der Verlegenheit, die jüdische Besonderheit solchen Verschiedenheiten gleichzustellen, die in der Tat die Zugehörigkeit zur Nation nicht in Frage stellen, aber auch mit Stammeseigentümlichkeiten nichts zu tun haben. Diese Unzulänglichkeit führt zu der verständnislosen Auffassung, daß die deutschen Juden ebensowenig Veranlassung hätten, restlos in der deutschen Kulturgemeinschaft aufzugehen, wie die sonstigen Stammesgenossen ihre Stammesart aufzugeben hätten. Bei dieser Anschauung — die gerade von dem zu sichernden deutschen Standpunkt aus besonders merkwürdig erscheinen muß — fehlt jedes Gefühl dafür, daß die Frage eines Aufgehens im deutschen Kulturkreis für den echten Stammesdeutschen gar nicht existieren kann, daß er es vielmehr als eine beleidigende Einschränkung seines deutschen Wesens empfinden muß, wenn sein durch Stammestum gefärbtes, aber doch

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