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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 2 · p. 85

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Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 2
Article
Die Wirkung des Kompromisses
Date
1920-01-01
Page
85 (sequence 1)
Language
German
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MoritzLßileski: Die Wirkung des Kompromisses 85 MORITZ BILESKII DIE WIRKUNG DES KOMPROMISSES Die Masse des deutschen Judentums hat, wie in dieser Zeitschrift gezeigt wurde*), ihre Annäherung an den national jüdischen Gedanken in der Weise vollzogen, daß sie die Grundlage ihrer Existenz nicht mehr ausschließlich in der jüdischen Religion, sondern daneben auch in der jüdischen Stammeszugehörigkeit erblickt. Darin zeigt sich aber keineswegs ein Wille zum jüdischen Volkstum. Vielmehr erfolgt das Bekenntnis zum jüdischen Stamm immer im Zusammenhang mit der Absicht, die Zugehörigkeit zum deutschen Volkstum zu betonen. Die unumstößliche Einheit mit dem Deutschtum wird immer aufs neue proklamiert. Man wird nicht müde, diesen Willen zum Deutschtum, die Freude an deutschem Geist und deutschem Empfinden, die Bereitschaft zur Mitarbeit an der deutschen Kultur zu betonen. Auch die gehässigsten Angriffe, das hebt man hervor, können die Freude am deutschen Vaterlande nicht verkümmern; wenn das Vaterland die Juden verläßt, die Juden wollen es nicht verlassen. Dieser Wunsch, unter allen Umständen im Deutschtum und in Deutschland zu bleiben, ist in der Tat die Grundlage der ganzen geistigen Haltung, er ist z. B. bestimmend für die Stellung zu den Fragen des Krieges, in der kritik- und bedenkenlos die gültigen Anschauungen mitgemacht werden. Er bestimmt im Grund auch allein die Stellung zu jüdischen Fragen, Das wird auch durch den Gedanken des Stammesjudentums nicht geändert, vielmehr nur bestätigt. Denn dieser Gedanke ist bei genauerer Betrachtung eine moderne Verteidigungsstellung des deutschen Nationalismus .der deutschen Juden gegen die jüdisch-nationale Anschauung. Man kann sich den zionistischen Argumenten über das Wesen der jüdischen Sonderart nicht mehr ganz verschließen, man übernimmt sie nun in gewissem Umfange, aber nur, um sie auf ein möglichst harmloses, nicht zu sehr differenzierendes Gebiet abzudrängen, und um gleichzeitig immer wieder zu betonen, daß man im Eigentlichen und Wesentlichen sich in Nichts vom Deutschen unterscheide. Die wissenschaftliche Erkenntnis, daß die Zugehörigkeit zu einer Nation von subjektiven Momenten abhängig ist, wird angenommen, aber nur, damit man den eigenen Willen zum Deutschtum erklären und daraus die Zugehörigkeit zur deutschen Nation folgern kann. Das jüdische Stammestum wird eigentlich nur anerkannt, weil man gleichzeitig hervorheben kann, daß Stamm etwas anderes als Nation sei und daß die Nationalität der deutschen Juden unzweifelhaft deutsch sei und bleiben müsse. Diese offensichtliche Tendenz des Stammesgedankens genügt an sich, um ihn vom jüdischen Standpunkt aus als unzulänglich und minderwertig erscheinen zu lassen. Denn der Ausgangspunkt ist nicht das Streben nach einer unbefangenen Erkenntnis jüdischer Verhältnisse, sondern immer noch *) Siehe Bileski, Das Kompromiß des deutschen Judentums (Heft i dieses Jahrgangs).

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