Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1920-01-01 · Heft 2 · p. 78

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 2
Article
Ein missglückter Versuch
Date
1920-01-01
Page
78 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3101111-3101163-3101166-3105245--3872-3105281
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

78 Josef Meisl: Das war in großen Zügen die Situation, als das Jahr 1891 anbrach, welches im Leben der russischen Juden und damit auch in der Entwicklung der Kolonisation eine schwere Krisis herbeiführte. Die Judenverfolgungen hatten wieder einmal einen Höhepunkt erreicht und die verschärften Ausweisungen eine Lage geschaffen, die sich wie eine kleine Wiederholung der Vertreibung aus Spanien ausnahm*). Ganz besonders hart gestalteten sich die Ausweisungen aus Moskau, von denen Reiche und Arme in gleicher Weise betroffen wurden. Während die unbemittelten Flüchtlinge in Amerika und Argentinien eine Zuflucht zu finden hofften und die Auswanderungsgesellschaften durch die Plötzlichkeit, mit welcher diese neue Wandererwelle hereingebrochen war, sich einer schier unlösbaren Verwirrung gegenübersahen, schlugen die Vermögenden den Weg nach dem Lande unserer Väter ein, wo sie in Glück und Frieden auf eigenem Boden ihre Tage zu verbringen wähnten. Zu diesem Behufe wurden meistens von Leuten, denen alle notwendigen Kenntnisse fehlten, und ohne Zusammenhang mit einer einheitlichen Organisation kleine Gesellschaften gegründet, die sich mit Landankauf und Ansiedlung befassen sollten. Im Anschluß an die in Minsk von Jehoschua Syrkin gegründeten „Dorsche Zion" entstanden zahlreiche „Tausendgesellschaften" (Agudoth elef), die in der Regel von ihren Mitgliedern Anzahlungen von etwa 200 Rubeln und den Rest in kleineren Teilen forderten. Kein Wunder, daß sich recht zahlreiche Interessenten meldeten. Obgleich zweifellos die Mehrheit der von den Gesellschaften nach Palästina entsandten Delegierten von den besten Absichten beseelt war und ohne großes Aufsehen ihre Mission erledigen wollte, damit nicht die Spekulation allzu starken Anreiz erfahre, trat doch diese recht unerwünschte Wirkung ein. Denn kaum in Palästina angelangt, gerieten sie unversehens, weil sie eben keinen anderen Ausweg aus der Konfusion sahen, in die Hände von Vermittlern und Spekulanten oder wurden selbst zu solchen. Wie eine Epidemie ergriff dieses Spekulationsfieber alle Schichten der jüdischen Bevölkerung in Palästina, und die Grundstücksmaklerei wurde selbst von den sonst arbeitsscheuen Chalukaelementen mit Eifer betrieben. Die Skrupellosigkeit, mit der diese Vampyre die Unerfahrenheit der Käufer auszunutzen suchten, stieg ins Maßlose, unlautere Elemente verbreiteten lügenhafte Nachrichten über angeblich paradiesische Zustände in Palästina, um immer neue Bodenbewerber auf die Beine zu locken, die Konkurrenz der Spekulanten nahm die schmutzigsten Formen an, und die palästinensche Vertretung des Odessaer Komitees (Temkin, Pines, Bentobim), an die sich alle, Käufer und Verkäufer, wandten, stand ratlos dieser Verwirrung gegenüber, und vermochte es nicht zu hindern, daß hunderttausende Franken *) Eine sehr ausführliche Schilderung der Lage der russischen Juden am Vorabend der Ausweisungen aus Moskau findet sich in der hauptsächlich für die Information der ausländischen Öffentlichkeit bestimmten, anonymen Schrift „Die Verfolgung der Juden in Rußland", Berlin 1891 (Verfasser war S. P. Rabinowitz).

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.