Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Der heutige deutsche Antisemitismus
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 75 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Der heutige deutsche Antisemitismus 75 Hier sind wir wieder bei unserem Thema. Der Antisemit sieht seine Machtgier in den Juden hinein — sollte das nicht aufzeigen, für wen der Antisemitismus die tiefere Gefahr ist? Nämlich nicht für den Juden, als welcher dabei höchstens ein individuelles Leben zu verlieren hat, sondern für den Deutschen, dem es hier an die Zukunft geht? Der Antisemitismus kann notwendig nur auf die Gegenwart des Juden wirken und seinen Willen zur Zukunft stählen; darüber später noch; dem Deutschen aber, der ihm erliegt, schneidet er den Weg in die Zukunft ab. Jedes große Volk hat einen metaphysischen Charakter und einen empirischen. Jener bricht in seinen Märchen und Kunstgebilden, in seinen Rechtsbräuchen und Sitten ans Licht, in der Liebe seiner Liebenden und in der Frömmigkeit seiner Gottsucher, dort wo es von Grund auf haßt, und dort, wohin es sich von Herzen sehnt. Dieser metaphysische Deutsche: wo macht er einen anderen, Fremden verantwortlich für das, was ganz allein er selbst auf sich geladen und über sich gebracht hat? Fremd bis zum Ekel steht der Nationalcharakter des heutigen Deutschen, wie der nationalistische Bürger ihn erträumt, unter den großen Gebilden, unter denen Deutsche ihr Wesen zu erkennen suchten, von Nibelungensage und Parsival bis Faust, Meister, Kohlhaas. Wenn jemals „deutscher Zusammenbruch" die Erschütterung der Anlaß, das Thema eines Gedichtes großer deutscher Öichtkraft geworden wäre: wer wagte den Einfall, daß einer der deutschen Genien mit der Erfindung des verschuldenden Juden alles abreagiert hätte, was an läuternder Kraft, an verwesentlichender Magie in solchem Schicksal schwang und schwelte? Das, was sich 1806 und 1807 zutrug, ließ die deutsche Dichtkraft fast unberührt — es ging Preußen an und nur Preußen, und Kleist antwortete preußisch; das deutsche Wesen ward von diesem Ereignis, weil einem Fürsten- und Staatenereignis und keinem Lebens- und Volks-Ereignis, überhaupt nicht aufgewühlt — weder Zeitgenossen noch Nachfahren kümmerte es zutiefst. Das aber, was sich um uns und mit uns ereignet, ist eine Faust, die ans Innerste des Deutschen greift: sein Schicksal, seine Schuld und seine Sühne wird mit ihm tragiert; und wehe ihm, wenn er nur mit der Geste auf den Juden hin antworten wollte! Er wäre erledigt. Aufgezehrt hätte den metaphysischen Deutschen, den das Gefühl, zu etwas aufgehoben zu sein, nicht verläßt, der als Tölpelhans und einer der auszieht, um das Fürchten zu lernen, im Geleite waltender Schicksalsmächte liebenswert, arglos und dem Augenblick hingegeben, aber darum auch behütet und betreut seines Weges ins Leben zieht — aufgezehrt hätte diesen metaphysischen Deutschen der empirische, das aufgepeitschte Augenblicksprodukt, von sich selbst besessen, hart gegen Schwächere bis zum Mord, geknickt vor Mächtigeren bis zur Selbstaufgabe, sofern nur Anteil an der Macht ihn belohnt, der von Uniform und Handgranate beseligte Militär. Einkehr heißt die Brücke, die vom Empirischen ins Metaphysische führt. Was diese Brücke gern leugnen, einreißen, negieren möchte, was den Deutschen