Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Der heutige deutsche Antisemitismus
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 76 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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76 Arnold Zweig: Der heutige deutsche Antisemitismus um jeden Preis verhindern möchte sie zu betreten, das ist der Antisemitismus, ist sein Urgrund heute und seine gefährlichste Funktion. Wissend, daß der Deutsche in der größten Verwirrung, die ihn je traf, sich finden möchte, wissend, daß er in sich hineinhorchen möchte, sowie die wirren Geräusche der Außenwelt ihn einen Augenblick sich selbst überlassen, daß er in sich den Grund des Unheils aufspüren möchte, das ihn traf, wenigstens forschen, ob ein solcher Grund für den göttlichen Blick offen liegt — wirft sich das Geschrei des Antisemiten auf ihn, zerrt an ihm verzerrt und heulend: Der Jude! Nicht du — allein der Jude — ist Grund und Ursache, nur der Fremde, nur das Nicht-deutsche ist Grund — der Schmach! Und indem er Schmach statt Unheil sagt, spekuliert er auf die harte Geste des menschlichen Abwehrwillens, der Würde und Freiheit — und hat das Ohr des Deutschen — fast. Er hat es noch nicht ganz, nicht einmal ganz das Ohr des Bürgertums, welches, betäubt vom Unheil und vom Geschrei der Parteien, seine Richtung nochnicht hat nehmen können. Und es wäre not, daß Freunde zu ihm treten und ihm sagen: Horche wirklich in dich hinein. Was Andere an dir getan haben mögen, sei's wenig oder viel, das frage jetzt nicht. Sieh dich selbst an und laß dich vom Auge Herders, Hölderlins und Goethes, vom großen Blicke Bachs, von Beethovens und Schillers, Kants und Schopenhauers, Kleists, Jean Pauls und Fichtes anglühen; wie bestehst du vor deinen Lehrern und Bildnern, vor deinem von Gott gewollten Ich— das frage; vor dem heroischen und reinen Leben deiner Genien — das frage! Um die Antwort wird dir wohl bange sein. 8. Hier ist die Stelle, wo die Gefahr des Antisemitismus für das deutsche Wesen und die deutsche Zukunft mit der Sonde getroffen wird. Ob der Deutsche sich verhärten und auf dem Wege fortgehen will, den der Antisemitismus ihn weist, in Selbstvergötterung, in Machtwillen, zu den Idealen von 1914, einen Weg nach rückwärts, der vor eine Wand oder in den letzten Abgrund führt; zur Heuchelei über seinen jetzigen moralischen Zustand der Verwahrlosung durch Krieg, Sieg und Erfolg, durch allgemeinste Geldgier und Verhöhnung, ja schlimmer Verheuchelung aller geistigen Güter und Werte — oder ob er schaudernd sein empirisches Bild erkennen, es an seinem metaphysischen messen und daraus Verzweiflung, Kraft und Mut zum neuen Anfang finden will: hier, an dieser vermutlich unscheinbaren Frage und Gabelung muß er sich entscheiden. Sein ist die Wahl und der Ausgang; mehr als ihm zeigen, was dieser Augenblick bedeutet, ist uns hier verwehrt. Nun müssen in Schächten seines Wesens die Quellen rauschen, die seine Großen tränkten; die Stille der Entscheidung muß in ihm sein und der Mut zur letzten Wahrheit, und in sein Auge fallen muß die Höhe der höchsten Berge, die deutschem Wesen je ersteiglich und wünschbar waren. Wo ein Mensch, wo ein Volk seinen Weg wählt, da fliegen die Adler des Schicksals, die Luft hält ihren Atem an und der Boden bebt unter seinen Sohlen.