Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Der heutige deutsche Antisemitismus
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 74 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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74 Arnold Zweig: um Ausbreitung auf der Erde zum Wettstreit antretenden Völkern das deutsche in der Tat später auftrat als die anderen: welches Kampfmittel entspricht dann dem Wesen des Jüngeren? Das älteste, veraltete, das, von dem sich die anderen bereits abzuwenden beginnen? oder das neuere, die jüngere und menschlichere Methode? Wenn man nicht, die Metapher allzu wörtlich nehmend, den Jüngling als Raufbold sieht, zweifellos die modernere; ist doch die Erprobung des Neuen der Jugend immer gemäß gewesen. Unter den Ausbreitungsmitteln aber ist die physische Gewalt, die militärische Waffe, das allerälteste und im Gewissen der Menschheit bereits verworfene; das neuere aber, wenn auch nicht das letzte, ist die Ausbreitung durch Arbeit, durch Werte schaffende Produktion. Diese Waffe nun hatte das deutsche Volk längst gewählt und mit ihr hatte es nach außen auch schon gesiegt und alle Märkte der Erde mit seinem Anteil gespeist. Indem es die Qualität der Ware und die Versittlichung der Arbeitsmethode (nicht im Taylor-Sinne!) steigernd auf diesem Wege weiterging, war ihm die Zukunft sicher; kein nationaler Neid sperrte ihm irgend einen Absatzplatz; die englischen Kolonien z. B. standen der deutschen Ware weit offen, obwohl man im Auslande sehr wohl die Unsittlichkeit der Ausfuhrprämie empfand, die dem deutschen Fabrikanten gestattete, aus Eroberungsgründen Fabrikat ins Ausland billiger als dem heimischen Markt zu liefern. Aber die atavistische „Geistigkeit" einer Oberschicht, unzufrieden mit dieser Eroberung, welche ihr keine schien, da kein Blut darum vergossen war — außer dem blutigen Schweiß einer unterbezahlten Arbeiterschaft —, vermeinte im gegebenen-Augenblick die eroberte Weltgeltung noch einmal und erst recht erobern zu sollen, und ihre Exponenten ließen sich in unkontrollierter Machtfülle von ihnen und ihrem Geiste hinreißen, das uralte, verworfene, dreimal erprobte und überflüssige Eroberungsmittel der Gewalt anwenden zu sollen — mit dem Erfolg, daß alles wieder verloren ging. Wirtschaft ersetzt Krieg: dieser Grundsatz hätte nur ebenso laut gepredigt werden sollen als die Lehre vom geschliffenen Schwert, um den Deutschen die instinktive Wahl ihres Ausbreitungsmittels zu unterstreichen! Sie hatten recht gewählt, und weil sie recht hatten und haben, ist dieser Sturz kein Untergang. Er wird es nur, wenn die Schwertprediger immer weiter vergessen, daß die Menschheit und die Völker überhaupt keinen „Willen zur Macht" haben, sondern wie alles Leben einen „Willen zur Ausbreitung" — Ausbreitung, welche friedlich erst recht möglich ist, Ausbreitung, für welche, in primitiven Zeiten, Macht das Symbol, in klügeren das Mittel, in weisen aber weder Symbol noch Mittel mehr sein sollte. Macht ist die Niederlage des Siegers*). Und wer überall Machtstreben, Weltmachtstreben sieht, wie der Antisemit beim Juden, beweist nur, was man weiß, daß er selber von Machtgier pervertiert und besessen ist. *) In diesem Zusammenhang sei H. Manns „Macht und Mensch" (Kurt Wolff Verlag) angelegentlich genannt.