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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 2 · p. 73

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 2
Article
Der heutige deutsche Antisemitismus
Date
1920-01-01
Page
73 (sequence 9)
Language
German
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Der heutige deutsche Antisemitismus 73 Volksstämme mit jeder Gewalt auszurotten und zu ,,bekehren" — zu unterwerfen versuchte. Wie aber jede Gewalt sich am Gewalttätigen rächt, weil sie den Geist des Unterworfenen nicht erobern, wohl aber den Geist des Unterwerfers verderben kann, sieht man heute zwiefach: im Verlust des eroberten Gebiets und in der Verzerrung deutschen Wesens zum deutschnationalen Wesen. Eroberung durch Gewalt ist niemals Überwindung durch höheren Geist, durch reinere Gesittung, durch gewinnende Kultur; und wenn der kolonisierende Römer in Gallien politisch unterlag, aber kulturell siegte — irgendwie siegte —, so siegte im Osten der Deutsche schon darum nicht, weil das, was er kulturell brachte, das Christentum, gar nicht seine Kultur war, sondern europäische, römische Angelegenheit, die den kolonisierenden Oststämmen im Augenblick der „Bekehrung" das legitime Recht zu jedem Widerstande gab. Festigkeit verlieh der deutschen Kultur im Osten nur das arbeitende deutsche Bürger- und Bauerntum, und das genau so lange, als der kolonisierte Slawe, Lette, Esthe zögerte oder daran verhindert wurde, selbst Bürger- und Bauerntum zu entwickeln und sich mit dem Deutschen zu vermischen. Diese Vermischung erzeugte im Osten und Norden eine bestimmte harte Kolonialkultur, dazu tendierend, immer dem numerisch stärkeren Teil zuzufallen und so, je weiter östlich, um so stärker an Deutschtum abzunehmen oder ostentativ „deutsch" zu sein. Diese unnatürliche und ganz undeutsche Verhärtung, Verengung, Erstarrung und Selbstvergötterung ist, wenn sie jetzt, wie es scheint, das deutsche Bürgertum von innen hier erobert, nachdem sie und ihre Wirkung das deutsche Wesen auf der ganzen Erde angeprangert hat, die wahre Rache der ausgerotteten und unterdrückten Ostvölker am deutschen Geist. 7- Aber nicht umsonst verklagen die Nationalisten das deutsche Volk, es fehle ihm das, was sie selbst den „nationalen Sinn" nennen, nicht umsonst behaupten sie, in ihrem Sinne seien die Deutschen noch kein Volk. Sollte dies „noch" nicht wahrhaftig Ehrentitel und Rettung des Deutschen werden können? Wenn trotz aller Kriegserfolge das deutsche Volk in seiner Mehrheit den Nationalen die Gefolgschaft weigerte — warum anders, als weil die Ideale dieser Gesinnung nicht sein Ideal waren? Warum anders, als weil Weltherrschaft, Unterdrückung und Ausbeutung fremder Völker diesem Volke zuwider war und ist? Der alldeutsche Nationalismus wollte dem Deutschen etwas abringen, was nicht aus ihm quillt, er zwang dem Volke eine Haltung auf, die ihm die fremdeste ist: die des militärischen Eroberers. Und das ist, aus einem sehr tiefen Grunde, die Ursache der Niederlage, die nur darum kein endgültiger Zusammenbruch ist, weil das Soldatentum dem Deutschen nicht entspricht. Nehmen wir nämlich einmal an, das deutsche Volk sei unter den großen Völkern relativ jung, und sehen wir davon ab, daß de facto alle Völker gleich alt sind, sondern geben wir dieser Redensart den Sinn, daß unter den

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