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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 2 · p. 72

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 2
Article
Der heutige deutsche Antisemitismus
Date
1920-01-01
Page
72 (sequence 8)
Language
German
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72 Arnold Zweig: hältnis möglich; er wird als Ausnahme empfunden (törichterweise), seine menschliche Qualität wird wenigstens nicht umgelogen, sondern konstatiert; nicht der Nachbar Jude, sondern dieses mythisierte Alljudentum ist der Gegner; und das Wesen des Juden-- Bis hierher konnte die Untersuchung vordringen, ohne vom Juden mehr vorauszusetzen als seine Existenz. Wie er wirklich ist, oder wie er erscheint, beides erweist sich als irrelevant für das Zustandekommen des hysterischen Antisemitismus; nicht für seine allgemeine Ausbreitung, aber für sein Vorhandensein innerhalb der deutsch völkischen Geistigkeit*), welche das Unglück hat, nur von untergeordneten Köpfen öffentlich vertreten zu werden — ein Unglück selbst für die Juden, um wieviel mehr für die Deutschen. Da wir es hier mit dem faktischen Antisemitismus zu tun haben, wie er öffentlich auftritt, sei noch einmal unterstrichen: das Wesen des Juden ist für diese Form ganz außer acht zu lassen; und das wollen wir vorläufig tun, bis wir den Antisemitismus als jüdische Angelegenheit zu betrachten haben. Als deutsche aber betrachtet, als Erkrankung eines wortführenden Teils des deutschen Geistes, zeigt er sich weiterhin sehenswert. 6. Hier sei nur als Zwischenbemerkung gesagt: die Legitimation des Deutschvölkischen zur Vertretung deutschen Wesens und Geistes ist sehr bestreitbar. Wo immer man dem deutschen Wesen in seinen höchsten und stärksten Ausprägungen begegnet, im deutschen Mittelalter der großen Dichter, der Rechtsinstitutionen**) (Sachsen- und Schwabenspiegel), in den Artikeln der revolutionierten Bauern- und Stadtgemeinden***), bei Meister Eckehart, in den Schriften der deutschen Philosophen und Dichter von Leibniz bis Nietzsche, von Klopstock bis Stehr, in der Musik des deutschen Menschen von Schütz und Bach bis Bruckner und Brahms, in den Impulsen der deutschen Jugend, sofern sie gefestigt genug ist, um ihrem eigenen Wesen zuhören zu können — davon später mehr — und der Pädagogen von Pestalozzi bis Wyneken, wo immer man deutschem Wesen begegnet, spricht es eine andere,- eine menschlich große und weisere Sprache. Und der Geist, welcher heute als deutscher Nationalgeist aufzutreten die Kühnheit hat, ist seiner Geburt und seinem Wesen nach der Geist der deutschen Kolonisatoren im Osten, der durch Feuer und Schwert Provinzen erst entvölkerte und dann besiedelte — jener amusische und gewalttätige, „Christentum" bringende Geist, der die jüngeren Söhne deutscher Adelsfamilien wirtschaftlich versorgte, indem er *) Man beurteile diese Geistigkeit nicht nach ihren Produkten in Buchform. Noch das halbwegs lesbare dieser Machwerke: v. Liebig, Der Betrug am deutschen Volke, ist eine Mischung von Inferiorität und organischer Verlogenheit — es braucht nicht bewußt zu lügen, weil schon die Fakta, wie bei der Hysterie, im Aufnehmen umgelogen werden. **) Aus deutschen Rechtsbüchern (Voigtländers Quellenbücher 33; eine Sammlung, die nicht oft genug empfohlen werden kann). ***) Der deutsche Bauernkrieg I und II (Voigtländers Quellenbücher 71 und 81).

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