Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Der heutige deutsche Antisemitismus
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 70 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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70 Arnold Zweig: — welches aber durch die ungeheure Fälschung der Kriegslage vier Jahre lang pervertiert worden war und in den Abgrund geführt hatte. Mit einem jähen Lichte ward erhellt, daß entweder dieser Stolz auf sich selbst gerechtfertigt, oder der ganze Weg des nationalen Wollens ein Irrweg war: daß die ganze Züchtung auf militärische Macht und kriegerische Ausbreitung, auf welche man das deutsche Wesen festgelegt hatte, diesem Wesen gar nicht entsprach, daß es ihm nicht frei entquoll, sondern abgenötigt war, daß man sich über den Deutschen und seinen Weg zur Ausbreitung auf der Erde furchtbar geirrt hatte. Und die Flucht der Führer nach dem Zusammenbruch, die Tatsache, daß nicht ein Heldentod, nicht ein Selbsttod der Verantwortlichen diese Treue gegen die eigene Idee erhärtet hatte, bewies das nicht, daß selbst in den eigenen Reihen das prätendierte Sein sich mit dem gehabten nicht deckte? Auch vor dieser Selbstverneinung, vor diesem Abschneiden jeder zukünftigen Wiedereroberung der Macht rettete: die Verdrängung. Unwirksam wäre vor den Tatsachen einfache Leugnung gewesen; unwirksam vor den Anklagen der Volksgenossen auch der Verweis auf die Mitschuld ganz Europas. Auf einen wirklich Hauptschuldigen an allem Unheil: auf die Presse und ihre gläubigen Leser hinzudeuten ging nicht an, da man sich ja nicht erst im Kriege dieser Giftgaswaffe selbst unaufhörlich bedient hatte. Man mußte sich selber mit einem Positivum kommen, mußte ein allgemein Sichtbares, sofort Kenntliches als den Kriegsschuldigen hinstellen, mußte jemanden personifizierbar und weithin erkenntlich als einen Nutznießer, Interessenten, Anstifter des europäischen Debacles entdecken können. Wen aber? Einen möglichst Machtlosen zunächst, jemanden, der, bisher ohne Anwalt, von Mächtigen nicht geschützt werden konnte, einen Wehrlosen, den man, falls sich außerhalb des Landes eine Macht seiner annahm, um so heftiger anzuklagen vermochte; eines Landesgenossen sodann, um sein verderbliches Wirken innerhalb der eigenen Grenzen konstatieren zu können, und so international verteilt dennoch, daß auch die anderen Besiegten von ihm, und ihm allein, besiegt sein durften; einen fremdartig Unheimlichen ferner, dem man geheime Bündelung und verborgene Feindschaft nachsagen konnte, den Geheimnis faustdick umwob: und jemanden schließlich, dem man mit einem Schein von Recht trotz faktischer Ohnmacht Weltmacht andichten durfte, um mit besserem Gewissen und der Geste des Verzweifelten zu seiner Bekämpfung alle Mittel, auch die der physischen Gewalt wenn's beliebte, aufrufen zu dürfen. Die Märchendichtkraft des Kleinbürgertums, die bis hoch hinauf ins besitzende Bürgertum wirksam blieb und die längst zur Schauerromantik des Kolportageromans und des Films verkitscht ward, mußte für die von all den neuen Problemen verwirrte Fassungskraft des Bürgers mobilisiert werden: gab es Faßlicheres als eine Verschwörung, eingeführt in die Weltpolitik al& erklärendes Prinzip der Weltrevolution? Die aus sehr tiefen und aus sehr eklen Quellen des Wesens getränkte Mythisierung der Ereignisse mußte, wie erst auf Sir Edward Grey, jetzt auf ein böses Prinzip hingelenkt werden —