Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Der heutige deutsche Antisemitismus
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 69 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Der heutige deutsche Antisemitismus 69 Veranlasser — Männer, von denen keiner für die vier Jahre lang verfochtene Sache zu sterben verstand, nachdem sie Millionen dafür hatten sterben lassen, 4- Deutsche Nationalisten also seien die Urheber der Katastrophe? Mit unerträglicher Gewalt dringt diese Anklage auf das nationalistische Bürgertum ein. Vor ihr verstummen zu müssen wäre das Letzte und Ärgste, um so ärger, als man sich sehr wohl daran erinnert, daß man im Augenblick der - Katastrophe und nach ihr auf der ganzen Linie der nationalen Öffentlichkeit die Stichhaltigkeit dieser Anklagen hatte zugeben müssen, von innen her genötigt durch das Wissen um all das Vorgebrachte. Aber seither erst ist am Tag, wofür man damit die Verantwortung übernommen hatte; wie ein besiegtes Deutschland wirklich aussieht, wie dieses seelisch, geistig, finanziell, wirtschaftlich verwüstete Land aus dem Kriege hervorging. Jetzt beim Geständnis verharren heißt eine Last auf sich nehmen, wie sie noch nie getragen wurde. Hier ist im nationalen Deutschen das deutsche Wesen am Scheidewege. Hier gibt es nur das Entweder—Oder von Verneinung des bisherigen Seins — von Einkehr — oder von Abwehr, und zwar von einer Abwehr, die jede Mitschuld vor sich selbst leugnet, die jeden Skrupel verhindert dadurch, daß sie ihn nicht ins Bewußtsein läßt. Und wie im Individuum das Unerträgliche durch jenen seelischen Akt beseitigt wird, den der Psychologe Verdrängung nennt, wird auch hier der ganze Komplex von einem Teil des Bürgertums verdrängt, um vor sich selbst weiter bestehen zu können. Das Ergebnis dieser Verdrängung ist der Antisemitismus, wie er den Deutschen heute befallen hat — eine psychische Erkrankung, ein Phänomen nationaler Hysterie mit allen seinen Symptomen der Wut, der Blindheit, empörter Reizbarkeit, jähen Ausbruchs, geistiger Unzugänglichkeit und der Übertragung aller krankheiterregenden Anlässe auf den Andern, das Nicht-ich, den Juden: ein Abwehrphänomen, gerichtet gegen Selbstbezichtigung, Geständnis, Einkehr, Umkehr. 5- Hier war die Probe auf die Versittlichung des nationalen Geistes möglich — nicht allein auf die Christianisierung, denn auch dem heidnischen Helden germanischer Prägung war ein Geständnis begangener Irrtümer und Fehler gemäß und der daraus wachsende Mut, alle Kraft an die Wiedergutmachung des Geschehenen zu setzen. Aber dies Geständnis hätte zur Folge gehabt zum mindesten den demütigen Dienst am Wohle der Nation, den freiwilligen Verzicht auf Vorrecht und Macht, die willige Übergabe der nationalen Führung an diejenigen, deren Einsicht sich als die bessere bewährt hatte: an die deutsche bürgerliche und vor allem soziale Demokratie radikaler Prägung. Darum mußte selbst diese Einsicht, daß jene so wild bekämpften Schichten die besseren Führer gewesen wären, verdrängt werden — und sie wurde es. Verdrängend wirkten Stolz und Machtwille: ein Stolz, der auf echtem Wertbewußtsein fußte — man hatte gewisse Unterführerqualitäten de facto in sich