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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 2 · p. 68

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 2
Article
Der heutige deutsche Antisemitismus
Date
1920-01-01
Page
68 (sequence 4)
Language
German
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68 Arnold Zweig: Abmachungen, fast einhundertachtzig Milliarden Mark beträgt, und es als Gegenwerte fast nur Kriegsanleihe und Papiergeld besitzt. 3- In dieser geistigen Lage dringt auf das deutsche Bürgertum die*Anklage der Erde ein, daß innerhalb seiner selbst, in Regierung, Heeresleitung, Industrie und (Adel mit zum Bürgertum gezählt wie billig) Großgrundbesitz, im Reiche und in Österreich die Veranlasser der Erdkatastrophe sich befinden; daß in denjenigen, die es als seine Besten und Stellvertreter anerkennt, denen es vier Jahre lang zugejubelt und tief geglaubt hat, die Männer gesehen werden, welche man für den Ausbruch des deutschen Untergangs verantwortlich macht, weil sie ihn hätten verhindern können. Diese Anklage wird nicht allein von der als „Ausland" empfundenen und damit für die seelische Wirkung unschädlich gemachten außerdeutschen Erdbevölkerung, sondern von der gesamten bis 1918 regierten und befehligten Arbeiterschaft innerhalb Deutschlands erhoben; ja bis ins Bürgertum tief einschneidend machen sich Klassengenossen diese Überzeugung zu eigen — Demokraten, die das ancien regime in Deutschland schon vor und, mit aller Vorsicht, bei währendem Kriege bekämpft haben. Von Sozialisten und Demokraten jeder Schattierung bis tief in die klerikale Demokratie hinein müssen diejenigen deutschen Schichten, die sich besonders als Repräsentanten der Nation empfinden und ihre sichtbarsten Exponenten, die im Heere stets sehr einflußreichen Alldeutschen, hören, daß man sie und ihr Wirken verantwortlich für Krieg und Niederlage macht, für alles was daraus entstand — für die ganze entsetzliche geistige und wirtschaftliche Not des eigenen Volkes, der Verbündeten, Europas — für den Sieg der revolutionären Bewegungen in Rußland, Österreich, Deutschland. Man legt ihnen Aktenstücke vor, Protokolle, Zeugenaussagen, Siegfriedenskundgebungen, ihre eigenen Denkschriften, in denen maßlose Kriegsziele verzeichnet stehen, Reden ihrer Führer, Zeitungsartikel ihrer Presse; hält ihnen Brest-Litowsk entgegen und Bukarest, zeigt ihnen die Schuld der Kastenwirtschaft im Heere und in der Heimat an der überwältigend wachsenden Zermürbung der Mannschaft und ihrer Familien, beweist ihnen das Versagen hoher Führer als Grund der Niederlagen an Marne, Yser, vor Verdun und wieder an der Marne, die Täuschungen über die Fochsche Reserve-Armee, die Überschätzung der U-Bootwaffe, die groteske Unterschätzung Amerikas, vor der viermal Sachkenner vergeblich warnten; weist auf die von Sieg-Erkämpfern verhinderten Friedensmöglichkeiten 1915 und 1917 hin und beweist aus den Archiven der Auswärtigen Ämter von Wien und Berlin, daß im Gegensatz zu den Regierungen der Entente, besonders Englands, die von der alldeutschen Kriegsbereitschaft unterjochten Regierungen der Mittelmächte mit grenzenloser Leichtfertigkeit in den Krieg hineingeschlittert sind. Leichtfertigkeit, Unfähigkeit, Irrtum und Verharrenwollen im Irrtum haben, so wird überzeugend dargetan, Deutschland in diese unerträgliche Notlage geworfen, und Deutsche der repräsentativen Schichten waren die

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