Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Der heutige deutsche Antisemitismus
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 67 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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Der heutige deutsche Antisemitismus 67 2. Erst seit 1914 geht das deutsche Volk in seiner Allgemeinheit politisch gesprochen zur Schule. Bis zum Tage des Kriegsausbruchs hatte es sich wohl od£r übel regieren lassen, und nun strömte dem bürgerlich Gebildeten eine solche Fülle von bisher undeutlichen Tatsachen zu, daß er sich nur durch die Zeitung vor ihr zu retten verstand. Der Balkan als Problem des europäischen Gleichgewichts (plötzlich fiel neues Licht auf Tripolis, Marokko, Albanien), die Bagdadbahn als Determinante der deutschen Ausdehnung; Ungarn als Barre vor Serbien; Österreich als Problem, Rußland als Problem; der Zusammenhang von Geographie und Geschichte; die öffentliche Meinung der Erde als reale Macht; die Sünden Österreichs in Venetien und der Lombardei (fast vergessene Schul-Daten rührten sich vag); die Industrie als Waffe, die Ernährung als kriegsentscheidendes Mittel; Steuerpolitik und Kriegsbegeisterung, Ausfuhrprämien und Verärgerung der Marktländer, die Interessensolidarität aller Waffenfabriken der Erde — alle diese Zusammenhänge sollten verarbeitet werden? Verarbeitet von einem Volke, dem sein Parlament nie ganz ernstnehmbar schien — und mit Recht —, das von der Wirkung der inneren Politik auf die äußere keine rechte Vorstellung, von fremden Ländern überhaupt keine Anschauung sondern nur Schlagworte im Geiste trug; das sich angegriffen glaubte und das empörte Ablehnen deutscher Verteidigungen durch Europa, den Barbaren-Schrei Europas als Folge der organisierten Entente-Lüge leichthin abtat? Verarbeitet von einem Volke, dem sich ohne Unterlaß neue Begriffe aufdrängten: Frachtraum und Kriegführung, Rohstoffe, Bewirtschaftung — und dann Wirtschaftsfragen ohne Ende: Erzbedarf, Kohlenförderung, Anbauflächen, Arbeitskräfte, Golddecke, Valuta, Inflation, Transportkrisen .. .? Genug! und von allen Nationalitätsfragen, Orientfragen, Völkerbundsfragen ganz zu schweigen. Welches Volk der Erde wäre imstande, sich in sechs Jahren eine Anschauung von dem ungeheuerlichen Denkstoff zu erwerben, der sich auf das deutsche stürzte, mit der schmerzlichsten Schwere zu böserletzt, selbst wenn es die wahrheitsliebendste und redlichste Presse der Erde gehabt hätte und nicht eine, die sich, zum mindesten in der militärischen Sphäre, als williges und mitschuldiges Werkzeug der Entstellung, der Verhetzung und der falschen Berichterstattung bewiesen hatte und weiter bewies, wie der Verlauf aller öffentlichen Angelegenheiten innerhalb von je vierzehn Tagen lehren konnte? Diese Verwirrung, dieses Erdrücktwerden von Tatsachen, Erkenntnissen, Meinungen und Möglichkeiten, diese Hilflosigkeit in der Bewältigung selbst einfacher politischer Zusammenhänge, diese tief erschütternde Richtungslosigkeit erwachsener Menschen, deren Leben in dem Horizont eines Fachdaseins verflossen war: diese geistige Lage mußte wenigstens erwähnt werden; sie ist die Vorbedingung einer Situation, in der eine ganze breite Schicht von Deutschen die Notlage des Landes den „jüdischen Schiebern und Wucherern" zuschreibt und vergessen kann, daß seine Nationalschuld, ohne die Forderungen der Versailler 5*