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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 2 · p. 66

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 2
Article
Der heutige deutsche Antisemitismus
Date
1920-01-01
Page
66 (sequence 2)
Language
German
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66 Arnold Zweig: I. Antisemitismus als deutsche Angelegenheit i. Wenn der Kampf gegen Bethmann-Hollweg, gegen Erzberger, gegen den Verständigungsfrieden, überhaupt gegen die Demokratisierung der deutschen Öffentlichkeit als Kampf gegen den jüdischen Geist begonnen und geführt worden ist, so darf die Torheit der Benennung nicht Anlaß werden, die Symptome überhaupt zu ignorieren. Was bedeutet die Tatsache des so geführten Kampfes für die Erkenntnis von Kämpfenden und Kampf, wird man zu fragen haben: was bedeutet es, wenn für die Entstehung des Krieges — dessen Ausbruch die Alldeutschen bejubelten und nicht nur sie —, für seine Dauer — die vom größten Teil des Bürgertums unterstützt wurde und nicht nur von ihm —, für Bemühungen, rechtzeitig zum Frieden zu kommen und für die Revolution, Frucht verhinderten Friedens, für die zerfressenden Zustände der Etappen wie für Ausbeutung des Krieges als Konjunktur der Heimat, für Kapitalismus als Weltanschauung und Sozialismus jeder Prägung, deutschen Liberalismus wie französischen und russischen Radikalismus, für Rußlands und Deutschlands Niederlage wie für Englands, Amerikas und Italiens Sieg — was bedeutet es, noch einmal gefragt, wenn für all das der Jude und sein Wesen, sein Geist und seine Existenz als Grund und Schuld angegeben werden? Mehr noch: daß der Jude als Sieger aus diesem Kriege hervorgegangen sei, den, zu diesem Zwecke allein, er angezettelt habe? („Weltsieger Alljudaan" *) oder die Kreuzspinne mit dem Davidstern). Erinnern wir uns, daß schon, als die Legende vom deutschen Endsieg nicht mehr recht geglaubt wurde, im Jahre 1917 wohl, Antisemiten von altem Schrot und Korn, die Fritsch, Bartels, Reventlow in Berlin eine Konferenz abhielten, um dem Ruck nach links, den man damals prophezeite, mit ihren Mitteln vorzubeugen**); aber der Keim von einst ist inzwischen zu einem Mycel herangewuchert: und wir fragen zunächst nach Kraft und Nahrung, die solches Wachstum ermöglichten; fragen endlich, warum die Juden beschuldigt werden, gerade Deutschland durch revolutionäre Krisen am Boden zu halten, am Aufbau zu verhindern, mit Schiebung und Wucher zu entkräften, mit Mammonismus zu durchseuchen,. nach links zu drängen und den Arbeiter zu verhetzen — warum gerade Deutschland, welches unschuldig am Ausbruch des Krieges ist, zugleich an seiner Dauer, welches zwar den Krieg bis zum guten Ende wollte, aber nur um eines würdigen Friedens willen — und keines Strebens nach Weltherrschaft verdächtig sein sollte . . . Was bedeutet das breite und grimmige Einströmen des Bürgertums in diese als Gedanken maskierten Empfindungen? Wofür sind Heftigkeitsgrad und wilde Blindheit dieses Affekts Anzeichen — wofür, wenn nicht für etwas sehr Zentrales und Brennendes — auf der Seele Brennendes? *) Liebig, Betrug am deutschen Volke. Verlag Lehmann, München. *•) Jüd. Rundschau, 22. Jahrgang.

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